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Nicolas Derlon, Foto: Peter Penicka/Eawag

Eawag verstärkt Präsenz in der Westschweiz

28. Juni 2017,

Die Eawag spielt eine Schlüsselrolle beim Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Praxis. Um ihre Verbindung mit Wasserfachleuten in der Westschweiz (Romandie) zu stärken, hat die Eawag eine neue Gruppenleiterstelle innerhalb der Abteilung Verfahrenstechnik geschaffen. Wir haben den neuen Gruppenleiter Nicolas Derlon zu den Chancen und Herausforderungen der Abwasserbehandlung in der Westschweiz befragt. (Stephanie Engeli)

Nicolas Derlon, in deiner neuen Rolle konzentrierst du dich auf die Präsenz der Eawag in der Westschweiz.
Genau. Hauptziel meiner Funktion ist die Stärkung und Erweiterung der Beziehungen der Eawag mit Westschweizer Wasserfachleuten, insbesondere im Bereich Abwasserbehandlung. Am wichtigsten ist für uns, dass  unsere möglichen Partner wissen, dass wir ihnen fachliche Unterstützung bieten können. Wir sprechen damit alle interessierten Partner an, die einen spezifischen Bedarf im Bereich Abwasserbehandlung haben, etwa Gemeinde- oder kantonale Behörden, Ingenieurbüros, Anlagenbetreiber oder Verbände. Ausserdem ist es für unsere Forschungsarbeit sehr wichtig, Kontakte mit Fachpersonen aus der Praxis aufzubauen, denn so können wir unsere Forschung besser ausrichten. Die Sichtbarkeit ist ein Schlüsselaspekt meiner Aufgabe. In der Praxis heisst dies zunächst, physisch anwesend zu sein: Ich habe bei der EPFL in Lausanne ein zweites Büro eingerichtet; dort verbringe ich mindestens einen Tag pro Woche.

Heisst das, die Eawag startet nun eine engere Zusammenarbeit mit der französischsprachigen Schweiz?
Die Eawag arbeitet seit jeher in und mit der Romandie zusammen. Bereits früher arbeitete die Abteilung Verfahrenstechnik eng mit verschiedenen Partnern in der Abwasserbehandlung zusammen, etwa bei der Förderung neuer Technologien oder in Form einer direkten Unterstützung durch fachmännische Beratung. Zurzeit laufen mehrere Projekte in den Bereichen Mikroverunreinigungen, anaerobe Ammonium-Oxydation (Anammox) und aerobe Granulate. In den letzten Jahren ist der Unterstützungsbedarf in der Abwasserreinigung jedoch massiv gestiegen.

«Die Eawag arbeitet seit jeher in und mit der Romandie zusammen. Doch in den letzten Jahren ist der Unterstützungsbedarf deutlich gestiegen.»

Ist dies auf die Revision der Gewässerschutzverordnung 2016 zurückzuführen?
Die revidierte Gewässerschutzverordnung, die im Januar 2016 in Kraft getreten ist, gehört sicherlich zu den Gründen, weshalb die Nachfrage nach Unterstützung in so kurzer Zeit so stark gewachsen ist. Gemäss der Gewässerschutzverordnung müssen die Schweizer Gemeinden technische Massnahmen zur Eliminierung von Mikroverunreinigungen in bestimmten Abwasserreinigungsanlagen umsetzen. Durch die Schaffung meiner neuen Stelle in dieser kurzen Zeit hat die Eawag ihre ausserordentliche Flexibilität unter Beweis gestellt; das finde ich grossartig.

.. betreffen diese revidierten Vorschriften denn nicht alle Regionen der Schweiz?
Sie betreffen alle Schweizer Regionen, doch die Westschweiz ist davon besonders stark betroffen. Vor der Revision gab es in der Romandie einige Abwasserreinigungsanlagen (ARA), die keine Nährstoffeliminierung durchführen mussten. Wenn sie nun Mikroverunreinigungen entfernen müssen, muss ihr Abwassermanagement komplett neu überdacht werden. Ein Beispiel dafür ist der Kanton Waadt: Er verfügt über eine grosse Zahl kleiner ARA, die er jetzt in 16 grossen ARA zusammenführen will. Die revidierte Verordnung beteiligt und betrifft jeden Stakeholder im Bereich Abwasserbehandlung: Behörden, Beratungsunternehmen und Anlagenbetreiber. Bei den Leuten hier tauchen deshalb zunehmend Fragen auf, zu denen wir unsere Hilfe anbieten können.

«Die Westschweiz muss ihre Abwasserreinigungsanlagen komplett neu überdenken. Deshalb tauchen zunehmend Fragen auf, zu denen wir unsere Hilfe anbieten können.»

Was können potenzielle Partner von dir erwarten?
Unsere Aufgabe ist es, Unterstützung dort anzubieten, wo sie gebraucht wird. Dabei sind die Möglichkeiten sehr breit gefächert und reichen von der Mitarbeit an bestimmten Projekten mit Partnern aus Wissenschaft oder Industrie über die fachspezifische Beratung für Ingenieurbüros oder im Zusammenhang mit Pilottests für eine ARA bis hin zur einfachen Information über den aktuellen Stand der Entwicklung im Technikbereich. So hatten wir zum Beispiel ein Ingenieurunternehmen, das Informationen zu den Vorteilen dynamischer Modellierung für Aufbau und Verständnis von ARA benötigte. Anhand einer Fallstudie konnten wir den Leuten zeigen, welche Möglichkeiten es in diesem Bereich gibt. Bei Fällen, in denen ich nicht über das erforderliche Fachwissen verfüge, stelle ich die Verbindung zur richtigen Ansprechperson innerhalb der Eawag her.

Anfang Jahr hast du deine neue Aufgabe übernommen. Wo liegen derzeit deine Schwerpunkte?
Als eidgenössisches Wasserforschungsinstitut ist es für uns wichtig, unser Wissen an alle Teile der Schweiz weiterzugeben. In dieser ersten Phase gilt es, verschiedene Partner zu ermitteln und sich gegenseitig kennenzulernen. Zusammen mit dem Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA) Romandie diskutieren wir über ein eintägiges Symposium, an dem Forscher der Abteilung Verfahrenstechnik der Eawag über ihre neuesten Projekte berichten, etwa Anammox in der Hauptströmung, aerobe Granulatschlämme, Kontrolle und Überwachung, usw. Ausserdem finden im Herbst 2017 zwei Workshops statt, an denen ich anwesend bin (z. B. das von Wilo Schweiz AG organisierte «Symposium Eaux Usées» vom 26.9.17). In der Forschung arbeite ich derzeit mit Eberhard Morgenroth (Abteilungsleiter Verfahrenstechnik) und Christof Holliger von der EPFL sowie anderen an einem vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNSF) unterstützten Gemeinschaftsprojekt zu aeroben Granulatschlämmen. Wir haben auch einen PhD Studenten an der Eawag und zwei PhD Studenten an der EPFL. Wie ich anfangs erwähnte, ist das Sammeln vieler Inputs aus der Praxis für uns  sehr wichtig. Wir sind wollen nützliche und praxisnahe Forschung betreiben, die den Leuten dabei hilft, ihre Arbeitsweise und damit die Umwelt weiter zu verbessern. Wenn wir die Beziehung zu den Fachleuten aus der Praxis intensivieren, profitiert unsere Forschung davon. 

«Für uns ist das Sammeln von Inputs aus der Praxis sehr wichtig, denn so können wir unsere Forschungsarbeit besser definieren und praxisnaher gestalten.»

Über Nicolas Derlon
Mit einer Arbeit zum Thema «mechanisms of nitrification failure in moving bed biofilm reactors» erlangte Nicolas Derlon seinen PhD an der Université de Toulouse (Frankreich). Danach arbeitete er im Advanced Water Management Centre der University of Queensland (Australien) an der Steuerung anaerober Biofilmbildung in Abwasserkanalnetzen. 2009 kam Nicolas Derlon zur Eawag und zur ETH Zürich. Er arbeitete an mehreren Projekten, etwa zu aeroben Granulatschlämmen für die städtische Abwasserreinigung, zum Klärschlammabbau, zur Bioverschmutzung von Filtermembranen und zur Modellierung von Abwasserreinigungsanlagen. Anfang 2017 erhielt er seine Tenure-Anstellung bei der Eawag.
Nicolas Derlons persönliche Webseite

Erstellt von Stephanie Engeli