Der Rhein rot, die Fische tot – 20 Jahre nach dem Sandoz-Brand
Am 1. November 1986 ist in Schweizerhalle eine Lagerhalle mit Chemikalien abgebrannt. Rot gefärbtes giftiges Löschwasser hat das Leben im Rhein katastrophal geschädigt. Die offen sichtbaren Folgen an der Flussbiologie – Bilder der toten Fische gingen um die Welt – haben zu grossen Fortschritten geführt im Bereich der chemischen Überwachung der Wasserqualität, der gesetzlichen Vorschriften sowie bei den Risikoreduktionsmassnahmen in der chemischen Industrie.
Der Brand bei Sandoz hat das Vertrauen in die Selbstkontrolle der chemischen Industrie erschüttert. Massnahmen der Behörden wie die Schweizerische Störfallverordnung und die Schaffung von Chemiekontrollstellen waren unmittelbare Folgen. Wesentlich verstärkt wurden die Bemühungen der Internationalen Kommission zum Schutze des Rheins vor Verunreinigungen. Wenn man von den unmittelbaren Schäden absieht, lässt sich heute, 20 Jahre danach, aus Sicht des Gewässerschutzes eine insgesamt positive Bilanz ziehen.
Die Fachleute der Eawag haben 1986 intensiv mitgearbeitet, den Zustand des Rheins chemisch und biologisch zu analysieren und die Auswirkungen des Brandes zu dokumentieren. Wie sie – entgegen anderen Ansichten – richtig vorhergesehen hatten, erholte sich das dynamische Fliessgewässer-System und die Organismen in relativ kurzer Zeit, das heisst innerhalb einiger Monate. Unterstützt wurde dies durch Einwanderung von Organismen aus Oberlauf, Zuflüssen und Seitenarmen und weil Hochwasser den verschmutzten Rhein rasch durchgespült hatten. Allerdings werden die auf der Flusssohle lebenden Organismen zunehmend von nicht einheimischen Arten dominiert. Forschende der Uni Basel gehen davon aus, dass "Schweizerhalle" freie ökologische Nischen geschaffen hat und dass dadurch die Einwanderung für exotische Arten erleichtert wurde.
Das Risiko eines erneuten Chemieunglücks in der Grösse von Schweizerhalle ist gesunken. Umso mehr rücken heute chronische Verunreinigungen ins Blickfeld, etwa durch den kontinuierlichen Eintrag von persistenten Haushalt- und Agrochemikalien. Die Eawag hat in den letzten Jahren beispielsweise das Verhalten des schwer abbaubaren Benzotriazols untersucht. Diese Chemikalie wird unter anderem zum Silberschutz in Geschirrspülern eingesetzt und in Kläranlagen kaum eliminiert. Die in Wasserproben bei Weil am Rhein gefundenen Konzentrationen ergaben Frachten von 100 bis 220 kg pro Woche – ein Gehalt, der nicht vernachlässigbar ist.
Artikel NZZ vom 1.11.2006 (Walter Giger, Eawag) [pdf, 21 KB]
20 Jahre Chemiebrand Schweizerhalle; SF MTW-Sendung vom 26.10.2006
Eine vorläufige Bilanz; Sendung Schweizer Fernsehen vom 27.11.1986

