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Erstmals exakte Qualitätsdaten zum Jangtse

Erstmals exakte Qualitätsdaten zum Jangtse

02. November 2007

Erstmals hat die chinesische Regierung einem Team mit ausländischen Wissenschaftern die Bewilligung erteilt, Ende 2006 die Wasserqualität im Unterlauf des Jangtse zu untersuchen. Jetzt hat die Eawag hunderte von Wasser- und Sedimentproben ausgewertet. Die Resultate sind erstaunlich: Obwohl die Schadstofffrachten teils enorm sind, bleiben die Konzentrationen in «Chinas Hauptschlagader» zumeist in einem Bereich, wie er weltweit auch von anderen grossen Flüssen bekannt ist.

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Im Rahmen der «Yangtze Freshwater Dolphin Expedition» hat die Eawag Ende 2006 auf über 1500 Kilometern des grössten chinesischen Flusses Wasser- und Sedimentproben entnommen. Nun sind die Proben ausgewertet und – organisiert von der Zürcher Stiftung baiji.org - haben die Forschenden Michael Berg, Eawag und Wang Ding, China heute in Bern über die Resultate informiert.

Baiji gilt als ausgestorben

An der Konferenz gaben die chinesische und die schweizerische Expeditionsleitung Einblick in die Grundlagen und die Bedeutung des aussergewöhnlichen Abenteuers. Ein Dokumentarfilm von Florian Guthknecht hat das Forschungsteam bei seiner Arbeit während der Expedition gezeigt - die leider eine traurige Gewissheit brachte: Das Team musste den Baiji des «Langen Flusses», den weissen Flussdelphin, als «functionally extinct» [funktionell ausgestorben] erklären – eine Meldung, die weltweit und insbesondere in China für grosses Aufsehen gesorgt hat. Allerdings können nach heutiger Erkenntnis nicht die chemischen Belastungen im Fluss für das Verschwinden des Baiji verantwortlich gemacht werden, jedenfalls sicher nicht als zentraler Grund.

Konzentrationen wie anderswo auch

Im Allgemeinen sind die Konzentrationen der anthropogenen Verunreinigungen im Yangtze vergleichbar mit denen anderer grosser Flüsse der Erde. Gelegentlich treten lokal erhöhte Konzentrationen einiger Elemente und organischer Verbindungen auf, die auf der weiteren Fliesstrecke aber meist wieder verdünnt werden. Die Konzentrationen einiger Elemente wie dem gefürchtete Arsen, dem toxischen Thallium, und Antimon, nehmen im Längsverlauf des Flusses zu. Die gegenwärtig im Jangtse auftretenden Metallkonzentrationen sind heute immer noch zwei- bis achtmal kleiner als vor 30 Jahren im Rhein, der Zeit der höchsten Verschmutzung. Die von der EU für einige Metalle empfohlenen Richtwerte liegen durchwegs über den im Jangtse gemessenen Konzentrationen, was darauf hindeutet, dass auch heute viele europäische Flüsse noch mit wesentlich höheren Konzentrationen zu kämpfen haben.


 
Probenahmen auf dem Jangtse

Wissenschafter bei Probenahmen auf dem Jangtse

Tendenz zunehmend

Während in Europa die Trendwende schon geschafft ist und die Konzentrationen am Abnehmen sind, nehmen sie in China generell noch stark zu. So hat sich die Stickstoff-Konzentration in den letzten 20 Jahren etwa verdoppelt. Die Konzentration von gelöstem Stickstoff verdoppelt sich auch zwischen dem Drei-Schluchten Damm und Shanghai und rührt grossenteils vom in der Landwirtschaft zunehmend verwendeten Mineraldünger, während Phosphat auf einem vergleichsweise tiefen Niveau konstant bleibt. Von den getesteten 236 organischen Chemikalien wurden nur wenige in lokal erhöhten Konzentrationen gefunden. Viele der persistenten Substanzen, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden, treten saisonal auf und wurden nur in Spuren entdeckt.

Riesige Frachten - täglich 4,6 Tonnen Arsen

Die Konzentrationen der meisten Messwerte fallen im Vergleich mit anderen grossen Flüssen nicht auf, weil der Jangtse enorme Wassermengen führt [Jahresmittel an der Mündung = 39'000 m3/sec, zum Vergleich: Jahresmittel des Rheins bei Basel = 1050 m3/sec]. So ist aufgrund der Verdünnung der anthropogenen Einträge von Chemikalien eine unmittelbare Schädigung des Ökosystems nicht zu erwarten. Die grossen Frachten hingegen müssen sich im Mündungsgebiet des Flusses verheerend auswirken, wo die täglichen 1500 t Stickstoff die Küstengewässer eutrophieren und Algenblüten verursachen, und wo toxische Metalle sowie Arsen [trotz kleiner Konzentration eine tägliche Fracht von 4600 kg] und die persistenten organischen Chemikalien etc. akkumulieren und in die Nahrungskette der produktiven Schelfgebiete aufgenommen werden.


 
Fischer am Jangtse-Ufer

Fischer am Jangtse-Ufer

Druck auf den Jangtse steigt

Auch wenn die mit dieser Studie nicht nachweisbaren synergistischen Wirkungen zwischen verschiedenen Chemikalien, Langzeiteffekte oder Wirkungen von Endokrinen Substanzen nicht ausgeschlossen werden können, zeigen unsere Messungen keine direkte Evidenz für einen Zusammenhang zwischen der chemischen Gewässerqualität und dem Verschwinden des Weissen Jangtse Delfins, des chinesischen Störs, oder dem Rückgang des endemischen Kleinwals. Ihr Verschwinden muss eher auf eine Vielfalt von Umständen zurückgeführt werden, unter denen die Verschlechterung der chemischen Wasserqualität aber ein zusätzlicher Faktor sein kann. Andere Faktoren sind die Zerstörung der Lebensräume, die starke Kanalisierung des Flusses, das Abschneiden von Seitengewässern [der ‚Kinderstube’ vieler Fische] mit Dämmen, die Trockenlegung von Seen und Überflutungsflächen für die Landwirtschaft, die Überfischung, unselektive Fischereimethoden, der enorme Frachtverkehr etc. Die zunehmende Industrialisierung, der steigende Lebensstandard, künstliche Bewässerung und die wachsende Stromerzeugung erhöhen generell den Druck auf den Jangtse. Gravierende Auswirkungen würde auch der geplante, grossmassstäbliche Wasserexport ins Einzugsgebiet des Gelben Flusses im Norden mit sich bringen. Dessen Wasserknappheit ist so gross geworden, dass er schon mehrere Monate im Jahr das Meer nicht mehr erreicht.

Die Konzentrationen von Stickstoff sowie Metallen und organischen Chemikalien nehmen zu, wie Vergleiche mit der Literatur von früheren Messungen belegen. Dies wird den Druck auf das Flussökosystem und vor allem auf die Küstengewässer des Ostchinesischen Meeres weiter erhöhen und sich auch auf die Qualität von Grund- und Trinkwasser auswirken. Es ist deshalb von höchster Wichtigkeit, diese Entwicklung zu verfolgen und so früh wie möglich Massnahmen an den Quellen zu ergreifen und eine Trendwende einzuleiten.

Beat Müller

Eawag Geo-Chemiker Beat Müller bei Probenahmen auf dem Jangtse.


Medienanfragen
zur Wasserqualität an die Eawag-Medienstelle 044 823 51 04;

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