«Die Forschung allein verändert noch gar nichts»
Der mit 75'000 Franken dotierte Preis für transdisziplinäre Forschung geht an das Novaquatis-Projekt zur separaten Urinbehandlung der Eawag. Die Akademien der Wissenschaften Schweiz zeichnen damit das besondere Engagement der Projektverantwortlichen aus, die nicht nur auf der wissenschaftlichen Ebene verschiedene Disziplinen einbezogen haben, sondern auch früh über den Hochschulbereich hinaus mit der Praxis zusammengearbeitet und sich um die gesellschaftsrelevanten Fragen der Thematik gekümmert haben.
Zürich/Dübendorf - 27. November 2008. Die Leiterinnen des
Eawag-Projektes
Novaquatis, Tove Larsen (rechts) und Judit Lienert haben heute den
«swiss-academies award for transdisciplinarity research» entgegennehmen
können.
Novaquatis hat sich von 2000 bis 2006 mit der Urinseparierung als neuem
Element
der Abwasserreinigung auseinandergesetzt. Der mit 75'000 Franken
dotierte Preis
wird alle zwei Jahre von den Akademien der Wissenschaften ausgerichtet.
Er
belohnt herausragende Leistungen transdisziplinärer Forschung zu Fragen von
Gesellschaft, Technologieentwicklung, Wirtschaft, Umwelt, Gesundheit und
anderen.
Was bedeutet «transdisziplinär» überhaupt?
Judit Lienert:
Transdisziplinär heisst zum einen interdisziplinär zu forschen, also z.B. mit
Ingenieurinnen, Chemikern und Sozialwissenschafterinnen. Zum andern aber auch aktiv
mit Partnern ausserhalb der Hochschule zusammen zu arbeiten. Im Grunde ist das ein
Ansatz, der von der Eawag seit jeher verfolgt wird, aber sich vor allem in
grösseren und auf längere Zeit angelegten Projekten durchsetzen kann. In Bezug
auf die NoMix-Technologie ist klar: Veränderungen im bestehenden Abwassersystem
können nur in engem Kontakt mit heutigen und künftigen Akteuren stattfinden.
Dazu gehören Behörden, Ingenieurbüros, Konsumentinnen und Konsumenten sowie
neue industrielle Partner, die hoffentlich moderne Technologien im Bereich der
dezentralen Abwasserreinigung entwickeln werden. Die Forschung allein verändert
noch gar nichts.
Die Schweizer Abwasserwirtschaft gilt als Musterbeispiel. Wieso sollen wir etwas ändern, wenn das System heute doch so gut funktioniert?
Tove Larsen:
Dies ist wohl die wichtigste Frage. Und gleichzeitig kann diese Frage jede
Innovation wieder stoppen. Beim Telefon war das Festnetz lange absolut
ausreichend, aber wer will heute aufs Handy verzichten? Noch wichtiger ist es
jedoch zu fragen: Wo funktioniert das System gut und wie lange noch? In vielen
Ländern leistet man sich den hiesigen Standard des Umweltschutzes nicht, und in
vielen dieser Länder explodieren Bevölkerung und Städte geradezu. Oft können
Kanalisation und Abwasserreinigung mit dem hohen Wachstumstempo nicht Schritt
halten. Bei uns stellt sich zum Beispiel die Frage, ob wir für das Klima der
Zukunft gerüstet sind: Wird die Abwasserreinigung auch noch dann funktionieren,
wenn der warme und trockene Sommer von 2003 zum Alltag wird? Mit dem neuen
Ansatz einer dezentralen Abwasserreinigung, wo kleine stark verschmutze
Abwasserströme separat behandelt werden, glauben wir, ein flexibles und
erfolgversprechendes Konzept für die Zukunft gefunden zu haben.
Also könnten wir Abwasser besser und billiger reinigen und gleichzeitig Ressourcen schonen?
Larsen:
Möglich
ist es, wenn wir bereit sind, uns auf Unbekanntes einzulassen. Das Eawag
Projekt Novaquatis zeigt anhand des Beispiels Urinseparierung, dass eine
separate Behandlung von einzelnen Abwasserströmen neue Möglichkeiten eröffnet.
Gewinnung statt Vernichtung von Nährstoffen hilft uns, Wasser, Energie und Geld
zu sparen, und gleichzeitig einen besseren Gewässerschutz zu erzielen. Was nach
grüner Utopie klingt, kann in einigen Jahrzehnten auch bei uns Realität werden.
Das Konzept scheint bestechend einfach...
Larsen:
Urin
enthält die Nährstoffe – Stickstoff und Phosphor – welche auf der Kläranlage aufwändig entfernt werden müssen. Dieselben
Nährstoffe werden von den Landwirten wieder als Kunstdünger eingekauft und in
der Landwirtschaft eingesetzt. Es ist naheliegend, diesen Kreislauf kurz zu
schliessen und die Nährstoffe aus dem Urin zurück auf die Felder zu bringen.
Weshalb werden dann nicht einmal bei Neubauten NoMix-WCs eingebaut?
Lienert:
Urin
kann in speziellen NoMix-Toiletten abgetrennt werden, muss aber dann gereinigt,
in ein geeignetes Düngermittel umgewandelt und in die Landwirtschaft gebracht
werden. Auf diesem Weg gibt es viele Hürden zu überwinden und mit diesen hat
sich das Projekt Novaquatis beschäftigt. Viele Probleme sind technischer Natur,
lassen sich aber nur unter Einbezug verschiedenster Akteure lösen, also in
einem transdisziplinären Prozess. Solange die ganze Kette von der separaten
Urinsammlung bis zur Wiederverwendung der Nährstoffe nicht einwandfrei
geschlossen ist, kann noch nicht von einer marktreifen Patentlösung gesprochen
werden.
Sind die Konsumenten und Konsumentinnen überhaupt gewillt, mit einem NoMix WC zu leben?
Lienert:
Ja,
sie sind es – die Akzeptanz der Idee der Urinseparierung ist sehr gross. Aber
ein NoMix-WC muss ein ansprechendes Design haben und funktional sein. Mehrere
NoMix WCs der ersten Generation sind erhältlich, die jedoch noch Mängel
aufweisen. Soeben ist eine zweite Generation auf den Markt gekommen: das schöne
NMX (NoMiX) der holländischen Firma Sealskin. Ob die Funktionalität noch
verbesserungswürdig ist, wird sich erst bei Einsatz in der Praxis
herausstellen. Diese Firma hat es aber gewagt, ein ganz neues technisches
Konzept zu entwickeln. Die NoMix-WCs wachsen also langsam aus den Kinderschuhen
heraus.
Wie bringen wir den Urin von der Toilette zu den Landwirten?
Larsen:
Novaquatis
hat gezeigt, dass es ausserordentlich viele Möglichkeiten gibt, den Urin nahe
an der Toilette aufzubereiten und nachher die kleinen Mengen an Nährstoffen in
konzentrierter Form in eine Düngerfabrik zu bringen; so wie heute schon die
viel grösseren Mengen an Gründünger mit dem Kehricht eingesammelt werden.
Während eine vierköpfige Familie um die sechs kg Urin pro Tag produziert, kann
man den Phosphor aus dem Urin derselben Familie in sechs kg pro Jahr
aufkonzentrieren. Zum Vergleich: Dieselbe Familie produziert pro Tag knapp
sechs kg feste Abfälle – zwei kg Kehricht und dreieinhalb kg Grünabfall und
weitere wieder verwendbare Materialien. Denkbar wäre die Aufbereitung des Urins
in einem intelligenten WC, das ähnlich clever reagiert wie eine moderne Kaffeemaschine
und meldet, wann der volle Phosphorbehälter ausgewechselt werden muss.
Das Novaquatis-Projekt wurde heute zwar preisgekrönt, es ist aber abgeschlossen. Was trägt denn die Eawag-Forschung noch dazu bei, dass sich die NoMix-Technologie durchsetzen wird?
Lienert:
Wir
kennen nun eine ganze Palette technisch machbarer Varianten. An diesen wird in
der Eawag-Abteilung für Verfahrenstechnik weiter geforscht. Noch sind nur
wenige wirklich reif für eine kommerzielle Umsetzung. Zudem ist je nach den
Wertvorstellungen in der Gesellschaft und in der Industrie und je nach lokalen
Rahmenbedingungen wie Bevölkerungswachstum oder Belastung der Gewässer das eine
oder andere Verfahren im Vorteil. Unterstützt vom Preisgeld wollen wir daher
auch die Umweltverträglichkeit und die Marktchancen einiger Verfahren besser
abklären – selbstverständlich ebenfalls wieder in einem transdisziplinären Prozess,
indem wir zum Beispiel die Düngerindustrie mit an den Tisch holen.
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Der swiss-academies award for
transdisciplinary research ist der höchstdotierte Preis der Akademien
der Wissenschaften Schweiz und wird zweijährlich durch das td-net for
Transdisciplinary Research ausgeschrieben. Die Preissumme von CHF 75'000 wird
von der Stiftung Mercator Schweiz eingebracht, als Teil ihrer Unterstützung des
td-net.
Die Akademien der Wissenschaften Schweiz (Swiss Academies of Arts and Sciences) sind ein Verbund der vier Akademien SCNAT, SAGW, SAMW und SATW. Sie bringen ihr Wissen in zentrale politische Fragestellungen ein. Dabei verfolgen sie eine langfristige Perspektive und agieren unabhängig von Institutionen und einzelnen Disziplinen. Im Vordergrund steht der ausgewogene Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft mit dem Ziel, das gegenseitige Vertrauen zu fördern. |
- swiss-academies award for transdisciplinary research
- Projekt Novaquatis:
www.novaquatis.eawag.ch und
www.eawag.ch/media/20070307 - Pressebilder
- Interview als pdf
Bearbeitung Interview: Andri Bryner

