Anforderungswerte

Generelle Anforderung von 0,1 μg/L

Für alle Pestizide, die in Biozidprodukten oder Pflanzenschutzmitteln eingesetzt werden, gilt in der Schweizer Gewässerschutzverordnung (GSchV) ein genereller Anforderungswert von 0,1 μg/L. Dieser Wert gilt für jeden einzelnen Wirkstoff in oberirdischen Gewässern sowie in Grundwasser, das als Trinkwasser genutzt wird. Wird er überschritten, müssen die Behörden Massnahmen prüfen. Für Trinkwasser gilt gemäss der Trink-, Bade- und Duschwasserverordnung (TBDV) der generelle Anforderungswert von 0,1 μg/L. Im Trinkwasser dürfen auch als humantoxikologisch relevant eingestufte Abbauprodukte (Metaboliten) von Pestiziden nur in Konzentrationen unter 0,1 μg/L enthalten sein.

Differenzierte Umweltqualitätskriterien

Im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) hat das Oekotoxzentrum für rund 60 Pestizide Anforderungswerte für oberirdische Gewässer hergeleitet, welche die individuelle Giftigkeit der einzelnen Pestizide für Gewässerorganismen berücksichtigen [1]. Diese Anforderungswerte werden Umweltqualitätskriterien (UQK oder EQS für «Environmental Quality Standards») genannt. Sie wurden nach derselben Methode hergeleitet, nach der auch die EU und ihre Mitgliedsstaaten Grenzwerte für Pestizide und andere Mikroverunreinigungen in Gewässern herleiten. Die UQK sollen gewährleisten, dass die Gewässerorganismen überleben, normal wachsen und sich fortpflanzen können. Diese wirkstoffspezifischen Anforderungswerte zeigen die Grenzen eines generellen Anforderungswertes auf. Während für den fungiziden Wirkstoff Propamocarb das UQK zehntausendfach über 0,1 μg/L liegt, liegt das UQK für den insektiziden Wirkstoff Cypermethrin mehr als dreitausendfach unter diesem pauschalen Anforderungswert. Daher haben die Eawag und das Oekotoxzentrum in den letzten Jahren die in Bächen gemessenen Pestizidkonzentrationen nicht nur anhand des generellen Werts von 0,1 μg/L, sondern zusätzlich anhand der UQK beurteilt.

Anforderungswerte aus der Zulassung

Für Pestizide gibt es je nach Verwendung zwei unterschiedliche Zulassungssysteme. Die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln ist in der «Verordnung über das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln», kurz: Pflanzenschutzmittelverordnung (PSMV) geregelt. Die Zulassung von Bioziden in der Biozidprodukteverordnung (VBP). Unter beiden Systemen muss vor der Zulassung eines Wirkstoffs beurteilt werden, ob durch die vorgesehene Verwendung eine Gefahr für Mensch und Umwelt besteht. Dabei werden jedoch unterschiedliche Methoden zur Bestimmung des jeweiligen Anforderungswertes für oberirdische Gewässer verwendet. Die Methodik unter der VBP zur Bestimmung der «predicted no effect concentration» (PNEC) ist nahezu identisch mit jener zur Herleitung von Umweltqualitätskriterien. Die Beurteilungswerte im Rahmen der PSMV werden hingegen nach einer abweichenden Methodik hergeleitet. Die resultierenden RAC-Werte (für «Regulatory Acceptable Concentrations») können z.B. Effekte auf die Gewässerorganismen akzeptieren, wenn sich die Lebensgemeinschaften innerhalb weniger Wochen wieder erholen können. Es können also höhere Werte für zulässig erklärt werden als in der Gewässerbeurteilung. Ausserdem arbeitet die Pflanzenschutzmittelzulassung mit (vorhergesagten) Spitzenkonzentrationen, die nach einer Applikation im Gewässer auftreten können. Das erschwert ein Überprüfen von RAC-Werten aus der Zulassung mit effektiv im Gewässer gemessenen Konzentrationen. Denn in der praktischen Gewässerüberwachung werden keine kurzzeitig auftretenden Spitzenkonzentrationen erfasst. Dies ist analytisch sehr aufwändig, und zurzeit ist es noch nicht möglich, eine breite Palette von Pestizidwirkstoffen über mehrere Monate in der dazu nötigen hohen zeitlichen Auflösung zu messen.

Quellen

[1] Qualitätskriterienvorschläge Oekotoxzentrum und Infoblatt: Umweltqualitätskriterien: Herleitung von numerischen Anforderungen für die Gewässerschutzverordnung
[pdf], 2017.
[2] Faktenblatt Ökotoxikologische Beurteilung von Pflanzenschutzmittelkonzentrationen in Oberflächengewässern: Was unterscheidet Überwachungswerte (EQS) von Zulassungswerten (RAC)? [pdf], 2014.