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In Rhein, Aare, Thur und Reuss fingen die Forschenden verschiedenste Fischarten und markierten sie mit akustischen Sendern. (Foto: Jonas Steiner, Eawag)

Den Schweizer Flussfischen auf der Spur

21. September 2026 | Barbara Vonarburg

Wann, wohin und warum wandern verschiedene Fischarten – und wie gut gelingt ihnen dies trotz der Barrieren durch Wasserkraftwerke? Dies untersuchen Eawag-Forschende, indem sie Fische besendern und deren Signale über Jahre verfolgen werden. Erste Analysen liefern überraschende Ergebnisse.

Als um 1900 die ersten Wasserkraftwerke im Rhein gebaut wurden, verschwanden die Lachse nach wenigen Jahren. Auch Stör, Maifisch, Fluss- und Meerneunauge sind in der Schweiz inzwischen ausgestorben. «Wasserkraftwerke sind grosse Barrieren für die Fische, deren natürliche Wanderung dadurch viel schwieriger wird», sagt Jakob Brodersen, Leiter der Eawag-Abteilung Fischökologie und Evolution. Zwar gibt es bei den meisten Kraftwerken inzwischen Fischtreppen, doch viele Fische finden den Aufstieg nicht, verlieren Zeit und Energie und sind an den Treppen verstärkt Fressfeinden wie beispielsweise Welsen und Reihern ausgesetzt. Auch auf der flussaufwärts gelegenen Seite der Kraftwerke lauern Gefahren. Hier führen Staudämme dazu, dass das Wasser tiefer ist, was zwar den Druck an den Turbinen und damit die Stromproduktion erhöht, aber den Charakter des Flusses verändert. «Wird das Wasser tiefer, fliesst es langsamer», erklärt Brodersen: «Der Fluss wird zu einem See, in dem Hechte und Zander gut jagen, aber andere Fischarten nicht mehr leben können. Dieser Lebensraumverlust ist ein grosses Problem.»

Akustische Sender und Unterwassermikrofone

Dazu kommt der Klimawandel mit vermehrten Hitzesommern. Um zu überleben, müssen manche Fischarten Kaltwasserrefugien fin-den. Doch gelingt ihnen das? Und wie wichtig ist es für die Fische überhaupt, sich zu bewegen? «Das wissen wir nicht», sagt Brodersen: «Unser Ziel ist daher, zu beschreiben und zu verstehen, wie die Fische innerhalb eines Flusssystems wandern, was sie beeinflusst und wie es ihnen geht.» Deshalb starteten er und sein Team ein Projekt, bei dem die Bewegungen verschiedener Fischarten mithilfe von akustischen Sendern und Unterwassermikrofonen in Rhein, Aare, Thur und Reuss verfolgt werden. Das Projekt, das vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) unterstützt wird, ist Teil des «European Tracking Network», was den internationalen Datenaustausch ermöglicht. So können etwa die Wanderungen von Schweizer Fischen bis in die Niederlande verfolgt werden. Die Infrastruktur in der Schweiz kann aber auch von den Kantonen und privaten Ökobüros genutzt werden. Manche der besenderten Fische und auch die Sender selbst haben eine Lebensspanne von mehreren Jahren. Brodersen hofft denn auch auf eine möglichst lange Finanzierung des Projekts.

Hydrophone installieren

Die Forschenden installierten in den letzten zwei Jahren an den Ufern von Rhein, Aare, Thur und Reuss Plastikrohre, in denen sie Unterwassermikrofone, sogenannte Hydrophone platzierten. Die Rohre reichen bis zwei Meter ins Wasser. Die Hydrophone selbst sind nur etwa so gross wie eine Thermosflasche. Dabei nimmt die Batterie am meisten Platz ein, damit sie nur einmal pro Jahr gewechselt werden muss. 140 Hydrophone wurden im Abstand von durch-schnittlich drei Kilometern an den Flussufern installiert. Zweimal pro Jahr sammeln die Forschenden die aufgezeichneten Daten vor Ort ein. Neben den Signalen der Fische werden auch die Lebensraumstruktur der jeweiligen Flussabschnitte erfasst sowie Abfluss und Wassertemperatur gemessen.

Fische fangen

Ein Schlauchboot, ausgerüstet mit einem Elektrofanggerät, wird im Rhein eingewassert. Jeder Flussabschnitt zwischen zwei Kraftwerken gilt als Sektion. Die Forschenden fingen im Frühling und im Herbst 2025 in jeder zweiten Sektion Fische von möglichst unterschiedlichen Arten. Der elektrische Strom beeinträchtigt die Muskelaktivität der Fische vorübergehend, sodass sie mit einem Kescher gefangen werden können. Grosse Fische fliehen allerdings tagsüber vor dem Boot ins Freiwasser. Deshalb fischten die Forschenden vor allem nachts.

Fische markieren

Die gefangenen Fische werden in einem mit Wasser gefüllten Tank narkotisiert. Dann wird ihre Bauchhöhle mit einem kleinen Schnitt geöffnet und ein akustischer Sender eingepflanzt. Er hat die Form eines kleinen Zylinders. Damit lassen sich Ort und Temperatur des Fisches bestimmen. Die Wunde wird zugenäht und zusätzlich mit einem Pulver verklebt. Dass die Prozedur den Fischen nicht schadet, ist auch im Interesse der Forschenden. Denn sie wollen das natürliche Verhalten der Versuchstiere studieren. Deshalb wird auch darauf geachtet, dass das Sendergewicht fünf Prozent des Fischkörpergewichts nicht überschreitet. Im vergangenen Jahr markierten die Forschenden 751 Fische von dreizehn verschiedenen Arten.

Erste überraschende Resultate

Die ersten Auswertungen zeigen, dass saisonale Wanderungsmuster möglicherweise viel seltener sind als bisher gedacht, vermutlich aufgrund von hundert Jahren Kraftwerkseinfluss. Eine endgültige Bewertung ist jedoch erst möglich, wenn für mehrere Jahre Beobachtungsdaten vorliegen. Erstaunlicherweise gibt es aber grosse Unterschiede zwischen den Arten. So bewegen sich Karpfen häufig über ein grosses Gebiet, während Schleien sich meist am gleichen Standort aufhalten. Auch Aale bleiben in ihrer Höhle, bis sie sich auf die Wanderung zu ihrem Laichplatz in der Sargassosee aufmachen. Zwei markierte Aale konnten die Forschenden bereits durch den Hochrhein bis Basel verfolgen.

Aber auch Individuen zeigen unterschiedliches Verhalten. Einige Welse wandern kilometerweite Strecken, während andere von März bis November immer vom gleichen Hydrophon registriert wurden. Überraschend ist auch der Einfluss des Welses auf das gesamte Ökosystem: In den grossen Flüssen ist dieser Raub-fisch weit verbreitet, dort gibt es aber kaum mittelgrosse Barben, Alet oder andere Fische, die in ein Welsmaul passen würden. Ob diese gefressen werden oder ob sie rechtzeitig auf welsfreie Zuflüsse ausweichen, weiss man nicht. Hingegen fanden die Forschenden in den schnell fliessenden, nicht zu tiefen Gewässern, beispielsweise in der Reuss bei Luzern, keine Welse, dafür aber viele Barben jeder Grösse.

Finanzierung

  • Eawag
  • Bundesamt für Umwelt (BAFU)