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Den Umgang mit Abwasser neu denken
8. Juni 2026 |
«Aus Bengaluru werden in den nächsten Jahren viele spannende Ansätze zur Wiederverwendung von Abwasser kommen», erklärt Christian Binz. «Die Stadt entwickelt im Moment global einzigartige Lösungen und könnte damit ein Beispiel für Städte auf der ganzen Welt werden.» Der Wirtschaftsgeograph leitet am Wasserforschungsinstitut Eawag die Gruppe Nachhaltigkeitstransitionen und Innovationsstudien und das WaterReuseLab, ein Projekt in der 15 Millionen-Stadt Bengaluru (früher Bangalore), die unter akuter Wasserknappheit leidet.
Stichworte zum interdisziplinären Grossprojekt: dezentrale Abwasserreinigung und Abwasserrecycling. Bengaluru zählt über 4'000 dezentrale Abwasserreinigungsanlagen (ARA), welche rund 20% des lokalen Abwassers behandeln – eine weltweit einzigartige Menge. Die boomende IT-Metropole, so die Idee, sollte als Reallabor für die Transformation der globalen Siedlungswasserwirtschaft dienen.
Ein wirksamer Hebel gegen Wasserknappheit
Das Projekt, in dem die Eawag-Forschenden eng mit lokalen Forschungspartnern und Interessenvertretungen zusammenarbeiten, hat gezeigt, dass das dezentrale Rezyklieren von Abwasser durchaus ein wirksamer Hebel gegen Wasserknappheit sein kann. Voraussetzung ist allerdings, dass technologische, regulatorische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Faktoren zusammenspielen. Untersucht wurden deshalb nebst technischen Innovationen auch Fragen der Nutzerakzeptanz, der gesetzlichen Grundlagen und von tragfähigen Geschäftsmodellen zum Einsatz von Recyclingwasser.
Das Projekt läuft noch bis im Sommer 2026, doch Höhepunkt war ein Workshop mit allen beteiligten Stakeholdern, an dem im Frühjahr die Resultate besprochen und darüber diskutiert wurde, welche Elemente ineinandergreifen müssen, damit sich in einer Stadt wie Bengaluru tatsächlich ein innovatives und sicheres, zirkuläres Wassermanagement schaffen lässt.
Ungebremstes Bevölkerungswachstum fordert innovative Lösungen
Hintergrund der Diskussion um Recyclingwasser ist das ungebremste Wachstum der Stadt – eine der Ursachen der Wasserknappheit. Die Bevölkerung wächst jährlich um rund eine halbe Million Menschen. «Wenn man jedes Jahr die Abwasserinfrastruktur für eine Stadt der Grösse Zürichs zubauen muss», sagt Christian Binz, «bietet ein dezentraler Ansatz viele Vorteile.»
In Bengaluru existiert deshalb seit 2015 ein Gesetz, das Eigentümerschaften von Gebäuden ab einer bestimmten Grösse dazu verpflichtet, ihre Abwässer in eigener Regie zu reinigen und lokal wiederzuverwerten. Bloss: Rund 80 Prozent dieser dezentralen ARA funktionieren nicht zufriedenstellend. Der Grund dafür sind neben Problemen im technologischen Aufbau der Anlagen auch Barrieren im sozialen Umfeld der Innovation.
Technik: Günstige, robuste und zuverlässige Technologien entwickeln
Auf technischer Ebene erzielte das WaterReuseLab einige Fortschritte: Bei einer Evaluation der bestehenden Technologien zur dezentralen Abwasserbehandlung kamen die Eawag-Fachleute zum Schluss, dass viele davon die Qualitätskriterien für sichere Wiederverwendung nicht konsistent erfüllen. Nun wird in den Eawag-Labors ein neuer Ansatz getestet. Er setzt auf eine Kombination von Membranfiltern, günstigen Sensoren, sowie dem Einsatz von KI. Das Ziel: die neue Technologie soll möglichst günstig, robust und einfach im Betrieb sein. Das modulare Verfahren kann als Containeranlage die aktuell vorhandenen Anlagen ergänzen. Diese zusätzliche Nachbehandlung soll garantieren, dass konstant qualitativ hochwertiges Recyclingwasser geliefert werden kann. «Die Erfahrungen in Bengaluru haben uns zu diesem innovativen Ansatz inspiriert», betont Christian Binz. In Zusammenarbeit mit lokalen Firmen sollen Einsichten aus dem Labor in Systemen in Bengaluru umgesetzt und getestet werden.
Gesetzliche Grundlagen: Verkauf von Recyclingwasser ermöglichen
Im Bereich der Regulierung von Recyclingwasser suchte das WaterReuseLab nach Lösungen für die Qualitätsicherung und zu Fragen der Verantwortlichkeiten. Die Resultate dieser Abklärungen sind in ein neues Gesetz eingeflossen, das einen lokalen Markt für gereinigtes Abwasser geschaffen hat. Hintergrund war eine grosse Dürre 2024, bei der es zu einem Wassernotstand kam. Viele Hausverwaltungen mussten die Bewohner*innen ihrer Wohnung auffordern, die Gebäude zu verlassen, da es schlicht nicht mehr genug Wasser gab. Das liessen sich diese nicht einfach so gefallen und machten politischen Druck. Stossrichtung: Gereinigtes Abwasser ist zu wertvoll, um es ungenutzt zu lassen!
In dieser Situation konnte das WaterReuseLab wichtige Beiträge leisten. «Die Dürre erwies sich als eigentlicher Innovationstreiber», sagt Christian Binz. Die lokalen Projektpartner WELL Labs wurden von der lokalen Regierung angefragt, wie sich die Wiederverwendung von gereinigtem Abwasser gesetzlich besser regeln liesse. Sie speisten Einsichten und Anregungen aus dem Projekt in den politischen Prozess ein, und so wurden neue gesetzliche Grundlagen geschaffen, welche es Hauseigentümer erlaubt, aufbereitetes Abwasser in der Nachbarschaft weiterzuverkaufen.
Geschäftsmodelle: einen Markt für gereinigtes Abwasser schaffen
Auch bei der Konzeption möglicher Geschäftsmodelle zur Wiederverwendung von Wasser zeichnen sich innovative Lösungen ab: So verkauft zum Beispiel eine Hausverwaltung bereits heute aufbereitetes Abwasser an eine nahe gelegene Wäscherei – und erzielt damit Gewinn. Oder Gebäude mit eigener ARA liefern rezykliertes Wasser an Baustellen in der Nachbarschaft. Ein weiteres Ergebnis dieser Forschung ist ein neues Tool, welches die Planung von Aufbereitungsanlagen unterstütz. Es zeigt den Hausverwaltungen Optionen und mögliche Benefits auf, wenn es darum geht, bestehende Reinigungsanlagen aufzurüsten oder zu ersetzen.
Nutzerakzeptanz: Recyclingwasser geniesst hohe Akzeptanz
Wie Befragungen mit der lokalen Bevölkerung zeigten, ist die Akzeptanz für verschiedenste Formen von wiederverwertetem Wasser gegeben. Das gilt sogar für aus Abwasser gewonnenes Trinkwasser. Ein möglicher Grund könnte sein, dass Bevölkerung unbedingt für kommende Dürrephasen gewappnet sein möchte. In zwei Gebäudekomplexen wird denn auch bereits Wasser in Trinkwasserqualität aus den Abwässern gewonnen.
Eine Stadt im Aufbruch in eine nachhaltige Wasserzukunft
Das WaterReuseLab hat in Bengaluru einiges in Bewegung gebracht. «Das Projekt hat zu einem tiefen Umdenken bezüglich der dezentralen Wiederverwendung von Abwasser in der Stadt geführt», sagt etwa Satish Mallya, der Präsident der Bangalore Apartments' Federation. «Es war der Auslöser für eine bemerkenswerte politische Wende, die es den Wohnanlagen in der Stadt ermöglicht, 50 Prozent ihres behandelten Brauchwassers an Dritte zu verkaufen.» In der Apartments' Federation haben sich Hausverwaltungen zusammengeschlossen, die in Bengaluru Wohnraum für mehrere Millionen Menschen betreuen. Die Vereinigung ist eine der zentralen Projektpartnerinnen des WaterReuseLab.
Am Workshop mit allen beteiligten Stakeholdern wurden im Frühjahr die Resultate besprochen und darüber diskutiert, welche Elemente ineinandergreifen müssen, damit sich in einer Stadt wie Bengaluru tatsächlich ein innovatives und sicheres, zirkuläres Wassermanagement schaffen lässt. (Fotos: WELL Labs)
Innovative Ansätze für globale Herausforderungen
Und noch einen Erfolg konnte das WaterReuseLab verbuchen: In den Workshops des Projekts gelang es, relevante Akteure wie Firmen, Immobilienentwickler, Behörden und Wasserversorger miteinander zu vernetzen. Nach anfänglicher Skepsis haben sich diese inzwischen in einer Koalition zur lokalen Wasserwiederverwertung zusammengeschlossen.
Bleibt eine zentrale Fragestellung: Lassen sich die in Bengaluru gewonnen Erkenntnisse auch anderswo auf der Welt nutzen? Christian Binz: «Wenn technische und soziale Elemente harmonieren, dann werden sich Lösungen aus Bengaluru tatsächlich auf andere Städte übertragen lassen. Nicht nur in Indien, sondern an vielen anderen Orten auf der Welt – irgendwann vielleicht sogar in der Schweiz.»
WaterReuseLab Vielschichtiges Projekt
Das WaterReuseLab zielte darauf ab, zu analysieren, wie sich eine neue Generation hochwertiger dezentraler Abwasserwiederverwendungssysteme entwickeln und verbreiten lässt. Dabei solle eine ganzheitliche Analyse von technischen und sozialen Elementen zeigen, was die Verbreitung von hochwertigem Abwasserrecycling verhindert und wie diese Barrieren überwunden werden könnten. Neben Nutzerakzeptanz, Governance- und Geschäftsmodellen wurde auch technologische Aspekte und die Überwachung der Wasserqualität untersucht.
Titelbild: Begaluru in Indien – eine Stadt im Aufbruch in eine nachhaltige Wasserzukunft. (Foto: Christian Binz)