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Gründächer bieten ergänzende Lebensräume
23. Juli 2026 |
Gründächer werden zunehmend als neuartige Lebensräume anerkannt und sind gemäss einer Studie des Wasserforschungsinstituts Eawag gemeinsam mit der WSL in der Lage, vielfältige Artengemeinschaften zu beherbergen. Gemäss den Forschenden überschneiden sich nur 10% der Arten am Boden und auf Gründächern. Das bedeutet, dass das Begrünen von Fassaden und Dächern nicht einfach zur Erweiterung bestehender Habitate dient, sondern die Biodiversität innerhalb von Städten um neue Artengemeinschaften bereichern kann. Doch was im Grundsatz positiv klingt, hat Tücken.
Gründächer können zur Falle werden
Noch gibt es Hürden für die Bewohnenden in der Höhe. Mittels Analyse der eDNA (mehr dazu hier) stellen die Forschenden fest, dass sich nicht nur die Artengemeinschaft, sondern auch das Nahrungsnetz auf Dächern stark von jenem am Boden unterscheidet. Auch die Artenvielfalt ist auf den Dächern eingeschränkter als bei bodennahen Lebensräumen. «Das führt dazu, dass das Nahrungsnetz auf Gründächern anfälliger ist für sekundäre Aussterbeereignisse», erklärt Kilian Perrelet, der beide Studien im Rahmen seiner Doktorarbeit unter der Leitung von Lauren Cook und Florian Altermatt (beide Eawag) und von Marco Moretti (WSL) verfasst hat.
Diese Anfälligkeit für solche Kettenreaktionen innerhalb des Nahrungsnetzes ist laut Perrelet darauf zurückzuführen, dass sich auf Gründächern mehr Prädatoren finden liessen als jene, die sich von organischer Bodensubstanz ernähren – wie beispielsweise Regenwürmer oder Springschwänze. Heisst: Den Bewohnenden eines Gründachs könnte irgendwann die Nahrung ausgehen, insbesondere denen, die an der Spitze des Nahrungsnetzes stehen. Auch die Umweltbedingungen sind auf Gründächern schwieriger. Höhere Temperaturen, das spärlichere Wasservorkommen und eine begrenzte Zufuhr organischer Stoffe, wie beispielsweise weniger Pflanzen oder ein sehr mineralhaltiges Substrat können den Lebewesen zu schaffen machen. Daher stellt sich die Frage, ob Gründächer tatsächlich als nachhaltige Lebensräume fungieren können oder doch eher ökologische Fallen für jene Arten darstellen, die sich nur schwer fortbewegen können.
Nachhaltige Planung und Gestaltung
Perrelet jedoch ist optimistisch: «Es gibt Massnahmen bei der Gestaltung von Gründächern, welche die Biodiversität bei der überwiegenden Mehrheit der nachgewiesenen Arten fördern können». Ältere Dächer mit tieferen Substratschichten beherbergen möglicherweise vielfältigere Lebensgemeinschaften, insbesondere Arten, die die Grundlage des Nahrungsnetzes bilden. Daher weisen solche Dächer eine grössere Widerstandsfähigkeit gegenüber sekundärem Artensterben auf als neuere Gründächer mit flachen Substratschichten. In der Planungsphase sollte also der Erhöhung der Substrattiefe Priorität eingeräumt werden. Ebenfalls positiv wirkt sich eine hohe Vegetationsbedeckung aus: Also das reichhaltige Bepflanzen der zu begrünenden Fläche – am besten mit Substraten, die reich an organischer Substanz sind.
Zukünftig sind weitere Studien nötig, um zu beurteilen, ob die Lebensräume über der Stadt mit weiteren Massnahmen gefördert werden können: beispielsweise mit dem Platzieren von unterschiedlichen Gehölzen oder dem Einsatz von Wasserelementen. «Für die Zukunft dieser Lebensräume ist auch die Zusammenarbeit mit Architekt*innen und Ingenieur*innen zentral», so Perrelet. Idealerweise sollte dies bereits in der Planungsphase geschehen, da die Sanierung bestehender Gebäude sehr kostspielig sein kann. Für die Biodiversität in Städten wäre es vorteilhaft, wenn sich all diese derzeit voneinander getrennten Lebensräume zu einem einzigen zusammenschliessen könnten, etwa über Terrassen oder Rampen. Somit wären die Gründächer nicht mehr in sich geschlossene und äusseren Einflüssen ausgelieferte Lebensräume, sondern könnten sich natürlich in ein belebtes und nachhaltiges Ökosystem einfügen.
Gründächer unterscheiden sich in der Artenvielfalt von Bodenhabitaten. Das kann – wenn unterstützt mit den richtigen Massnahmen – die Biodiversität in Städten ergänzen.
Blau-grüne Infrastruktur
Blau-grüne Infrastruktur (BGI) ist ein integrierter, naturbasierter Ansatz in der Stadtplanung. Das Konzept verknüpft den natürlichen Wasserkreislauf (Gewässer, Versickerungsflächen) mit grünen Elementen wie Grünflächen, begrünten Dächern oder Bäumen, um Wasser nachhaltig zu bewirtschaften und die Artenvielfalt zu fördern. Im Gegensatz zur klassischen, grauen Infrastruktur (Betonkanäle und -rohre) nutzt BGI natürliche Prozesse, um Regenwasser aufzunehmen, zu speichern und zu filtern. Dadurch werden Hochwasserrisiken verringert, die Wasserqualität verbessert und gleichzeitig die Stadt gekühlt. Die Forschenden der Eawag untersuchen in interdisziplinären Projekten, wie leistungsfähige blau-grüne Infrastruktur unserer Städte klimaresilienter und lebenswerter machen.
Titelbild: Für Kleinstlebewesen gilt: Je tiefer das Substrat und je vielfältiger die Bepflanzung, umso besser lebt es sich auf einem Gründach. (Foto: Kilian Perrelet, Eawag)