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Grundwasser braucht mehr als Fachwissen: Handlungsansätze für einen wirksamen Grundwasserschutz
2. Juli 2026 |
Welche Themen und Herausforderungen müssen die Grundwasser-Fachleute in den nächsten Jahren angehen? Das wollten das Schweizer Grundwasser Netzwerk CH-GNet und die Schweizerische Gesellschaft für Hydrogeologie (SGH) von ihren Kolleg*innen wissen. Im Rahmen eines Workshops sowie einer breit angelegten Umfrage wurden Vertreter*innen von Wasserversorgern, aus Forschung, Verwaltung, Ingenieurbüros und Fachorganisationen befragt und damit verschiedenste Blickwinkel einbezogen. Adrian Auckenthaler, Präsident der SGH und Ressortleiter beim Amt für Umweltschutz und Energie Baselland, und Christian Moeck, Wissenschaftler am Wasserforschungsinstitut Eawag und Leiter des CH-GNet haben die Umfrage initiiert und ausgewertet.
Herr Auckenthaler, Herr Moeck, sind sich die Fachleute einig, wo in der Schweiz die grössten Herausforderungen für das Grundwasser liegen?
Christian Moeck: Ja, da gab es keine Überraschungen. Die grossen Herausforderungen sind Qualität und Quantität des Grundwassers, also Verschmutzungen und ausreichende Mengen trotz des Klimawandels.
Das sind keine neuen Probleme.
Adrian Auckenthaler: Ja, das haben wir mit unseren Kolleg*innen auch diskutiert: Wir reden zwar immer wieder über neue problematische Substanzen im Grundwasser, aber im Grundsatz verändert sich nicht viel. Einige Substanzen, über die man schon lange spricht, sind teilweise heute immer noch ein Problem, wie beispielsweise Nitrat. Heute sind PFAS, TFA und Metabolite im Fokus und in Zukunft wird man weitere Stoffe finden, die problematisch sind. Die Frage ist, ob wir aus den bisherigen Lösungsansätzen für den Grundwasserschutz etwas für den Umgang mit den «neuen» Substanzen lernen können. Ein wichtiger Ansatz ist, mehr Vorsorge anstatt Nachsorge zu betreiben und dafür zu sorgen, dass problematische Stoffe gar nicht erst eingesetzt werden.
Christian Moeck: «Viele Probleme könnte man etwa durch Voruntersuchungen proaktiv minimieren.»
Christian Moeck: Oft weiss man schon sehr lang, dass gewisse Stoffe ein Problem sein könnten – wie etwa bei den PFAS. Um proaktiv zu verhindern, dass sie das Grundwasser oder die Umwelt insgesamt belasten, sind frühzeitige Abklärungen, ausreichende Ressourcen sowie eine enge Zusammenarbeit verschiedener Akteure und abgestimmte Massnahmen erforderlich.
Viele Probleme könnte man etwa durch Voruntersuchungen proaktiv minimieren,. Ein aktuelles Beispiel ist das Thema Schwammstadt. Solche Konzepte können einen wichtigen Beitrag leisten, um Herausforderungen wie Hitzeperioden, Starkniederschläge oder die zunehmende Versiegelung von Flächen zu bewältigen. Dazu gehören auch Massnahmen wie künstliche Böden, die Wasser- und Stoffflüsse gezielt beeinflussen und neue Möglichkeiten für den Umgang mit Niederschlag und Verdunstung eröffnen. Gleichzeitig ist es wichtig, frühzeitig zu prüfen, wie sich solche Ansätze langfristig auf das Sickerwasser und das Grundwasser auswirken können. Entscheidend ist, mögliche Wechselwirkungen von Anfang an mitzudenken – auch über den eigenen fachlichen Sektor hinaus –, um nachhaltige und langfristig tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Adrian Auckenthaler: «Das Thema Grundwasser wird oft erst am Schluss mitgedacht.»
Wird das Thema Grundwasser oft zu wenig mitgedacht?
Adrian Auckenthaler: Das Thema Grundwasser wird oft erst am Schluss mitgedacht. Beispielsweise bei bewilligten Hochbauten, bei denen für die Statik Pfähle bis ins Grundwasser erstellt werden müssen. Oder ausgearbeitete Projekte, die zu einem Teil in Grundwasserschutzzonen zu liegen kommen, ohne dass dies vorher abgeklärt wurde. Es werden also Sachzwänge geschaffen, die zu einer Minderung des Grundwasserschutzes führen können.
Christian Moeck: Es geht auch darum, das von uns Fachleuten erarbeitete Wissen sichtbar zu machen, also in die Praxis zu tragen, an die Politik weiterzugeben etc. Das ist anspruchsvoll.
Adrian Auckenthaler: Die Akademie der Naturwissenschaften SCNAT organisiert regelmässig einen Austausch unter dem Titel «Science et politique à table». Das ist ein interessantes Format, da es die Wissenschaft und die nationale Politik direkt zusammenbringt. Wir hatten die Gelegenheit an einem dieser runden Tische über das Thema Grundwasser zu sprechen und die Herausforderungen darzulegen. Der Anlass ist auf reges Interesse gestossen.
Beim Grundwasser gibt es neben den Schutz- auch Nutzungsinteressen, so bei der Landwirtschaft, die im Einzugsgebiet von Grundwasserfassungen Nährstoffe und Pflanzenschutzmittel einsetzt und zunehmend Wasser für die Bewässerung braucht. Obschon wir alle Trinkwasserkonsument*innen sind, hat die Wasserversorgung oft nicht das gleiche Gewicht. Wir müssen deshalb eine Strategie entwickeln, um die Anliegen des Grundwassers gegenüber anderen Fachbereichen besser zu kommunizieren.
Adrian Auckenthaler: «Die Wasserversorgung hat oft nicht das gleiche Gewicht wie andere Fachbereiche.»
Christian Moeck: Auch die Raumplanung müsste enger mit dem Grundwasserschutz zusammenarbeiten, um die verschiedenen Interessen gegeneinander abzuwägen.
Adrian Auckenthaler: Wir haben im Kanton Baselland eine Wasserstrategie erarbeitet. Dafür sind alle Akteure zusammengekommen, die in irgendeiner Form mit Wasser zu tun haben. Das Ziel war, voneinander zu lernen und ein gemeinsames Verständnis für das Thema Wasser und die Schnittstellen innerhalb des Wasserkreislaufs zu entwickeln. Solche Netzwerke helfen, dass die verschiedenen Fachleute nachher aufeinander zugehen, wenn sie Fragen oder Probleme haben.
Auch in der Gesellschaft hat es das Grundwasser als unsichtbare Ressource schwer, entsprechend seinem hohen Stellenwert wahrgenommen zu werden. Müssen die Fachleute dort mehr investieren, um Bedeutung und Bedrohung des Grundwassers sichtbarer zu machen?
Christian Moeck: Auf jeden Fall! Wir arbeiten zum Beispiel gerade an einem Faktenblatt über Grundwasser und Trockenheit für die Allgemeinheit: Was sind die Auswirkungen von Trockenheit und welche Massnahmen könnte man dagegen ergreifen? Auch die Plattform Trockenheit vom Bund ist in diesem Bereich ein wertvolles Werkzeug.
Christian Moeck: «Wir waren überrascht, wie schwierig es teilweise war, Grundwasserdaten zu erhalten und wie heterogen diese waren.»
Sie haben eingangs gesagt, dass die Fachleute die Probleme bei Qualität und Quantität des Grundwassers kennen. Trotzdem waren Grundwasser-Daten ein Thema, das in Ihrer Umfrage als Problemfeld identifiziert wurde. Können Sie erläutern, warum?
Christian Moeck: Es gibt einzelne Bereiche, in denen es noch nicht ausreichend Daten gibt, etwa zur Bewässerung. In zahlreichen anderen Bereichen sind viele Daten vorhanden, aber diese sind oft sehr fragmentiert, also bei ganz verschiedenen Stellen abgelegt – beim Bund, bei den Kantonen, bei Ingenieurbüros etc. Das macht es schwierig und sehr zeitaufwendig, sie zusammenzutragen.
Wir haben das bei der Schweizer Grundwasserdatenbank gesehen, die wir vor kurzem aufgebaut haben. Wir waren überrascht, wie schwierig es teilweise war, Daten zu erhalten und wie heterogen diese waren. Weil es schon so viel Arbeit macht, diese Daten überhaupt zusammenzutragen, verhindert das meiner Meinung nach manchmal, dass die vorhandenen Daten besser ausgewertet werden.
Adrian Auckenthaler: Da braucht es den politischen Willen und die fachlichen Ressourcen, um Daten so aufzubereiten, dass man sie leichter zusammenführen kann.
Sie haben mit Ihrer Umfrage zusammengetragen, wo Handlungsbedarf besteht und wo es hingehen soll. Was sind nun die nächsten Schritte?
Christian Moeck: Auf Basis unserer Ergebnisse haben wir sieben zentrale Handlungsansätze identifiziert: die Umsetzung und Durchsetzung von Massnahmen zu stärken; die Koordination zwischen verschiedenen Verwaltungsebenen und Sektoren zu verbessern; Netzwerke aufzubauen und zu stärken; in Bildung und die Einbindung der Öffentlichkeit zu investieren; die Integration von Daten zu fördern; neue und aufkommende Herausforderungen proaktiv anzugehen sowie politischen Willen zu stärken und langfristige Ressourcen bereitzustellen.
Nun gilt es, diese Ansätze weiter zu konkretisieren. Dazu müssen Verantwortlichkeiten geklärt, Prioritäten festgelegt und die sieben strategischen Handlungsfelder in konkrete und umsetzbare Massnahmen übersetzt werden.
Ende dieses Jahres werden das Schweizer Grundwasser Netzwerk und die Schweizerische Gesellschaft für Hydrogeologie einen weiteren Workshop durchführen. Ziel ist es, gemeinsam eine Strategie zu erarbeiten, wie diese Ziele in den kommenden Jahren konkret umgesetzt werden können.
Titelbild: Grundwasser ist eine mehrheitlich unsichtbare Ressource – ausser wenn es wie hier in einer Brunnenstube zu Tage tritt. Wohl auch deshalb wird sein Schutz oft zu wenig mitgedacht. (Foto: Eawag)
Originalpublikation
News zum Thema
Der Eawag Infotag 2025 war dem Thema «Grundwasser – die Ressource Trinkwasser nutzen und schützen» gewidmet. Dort präsentierten Eawag-Forschende Resultate und Werkzeuge, welche Praxis und Verwaltung unterstützen, die Trinkwasserressourcen in Qualität und Menge zu sichern. Die wichtigsten Inhalte finden Sie im Magazin zum Infotag