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Warum die artenreichsten Länder oft die wirtschaftlich ärmsten sind
19. August 2026 |
Die grosskapselige Baumwolle kleidet die Welt seit dem 18. Jahrhundert. Sie geht auf Wildpflanzen zurück, die indigene Bäuerinnen und Bauern in Mesoamerika lange vor der Ankunft der Europäer*innen züchteten. Nach der Kolonisierung wurde dieser biologische Reichtum – mit der erzwungenen Arbeit versklavter Menschen – in Plantagen-Monokulturen verwandelt, deren Gewinne zum industriellen Aufstieg Europas beitrugen. Die Regionen, aus denen die Pflanzen stammten, verarmten hingegen. Züchter*innen greifen noch heute auf wilde Baumwollarten zurück, die nur im Globalen Süden vorkommen – während unterschiedliche Handelsregeln die Preismacht weiterhin im Norden konzentrieren.
Was das Beispiel Baumwolle zeigt, war den Autor*innen zufolge kein Einzelfall – dieselbe Logik gilt auf globaler Ebene: biologischer Reichtum, den Tropen entnommen, sein Wert anderswo abgeschöpft. Es ist ein seit Langem beobachtetes Paradox, sichtbar in mehr als 160 Ländern: Gerade die Länder mit der reichsten Biodiversität tragen häufig die schwerste Last der Armut – obwohl die globale Politik davon ausgeht, dass ihr natürlicher Reichtum diese Last lindern sollte. Um herauszufinden, warum das so ist, modellierten die Forschenden das Zusammenspiel von vierzehn biologischen, wirtschaftlichen und historischen Faktoren – darunter Artenreichtum, Kolonialgeschichte, Governance, Rohstoffexporte und Staatsverschuldung – und sie stellten fest, dass Biodiversität keinen direkten Einfluss auf die Armut hat, sie weder reduziert noch verstärkt. Ein Zusammenhang besteht hingegen mit der historischen Entwicklung: Biodiversitätsreiche Regionen wurden mit höherer Wahrscheinlichkeit kolonisiert, und die kolonisierten Gebiete wurden gezwungen, ihre Rohstoffe zu exportieren. Diese Abhängigkeit schwächte die Governance in der postkolonialen Ära, und schwache Governance ging einher mit Verschuldung und verfestigter Armut.
Die Autor*innen nennen dieses Muster «systemische Bio-Ungleichheit» (systemic bio-inequity). Ökonom*innen beschreiben seit Langem einen «Ressourcenfluch», bei dem Länder mit reichen Öl- oder Mineralvorkommen oft ärmer statt reicher werden, weil fremde Mächte den Wert abschöpfen. Hier ist die biologische Vielfalt die Ressource – und ihr Nutzen wurde aus den Regionen abgezogen, in denen sie beheimatet ist.
Aufwand für Naturschutz ist unabhängig von Artenvielfalt und Reichtum
Ein zweiter Befund schärft das Bild. Um den Aufwand für den Naturschutz zu messen, prüften die Forschenden, wie viel der Fläche jedes Landes formal unter Schutz steht. Dieser Anteil richtet sich weder danach, wo die Biodiversität am grössten ist, noch danach, wo Länder sich die Kosten des Schutzes am besten leisten können. Europäische Länder etwa weisen durchwegs geringe Biodiversität und geringe Armut auf, haben aber nur einen geringfügig grösseren Anteil ihrer Landesfläche unter Schutz gestellt als die artenreichen, einkommensschwächeren Länder Afrikas – und in absoluten Zahlen eine weit kleinere Fläche. Der Naturschutz ist mit anderen Worten von beidem entkoppelt – von der Natur, die er schützen soll, und von den Menschen, die sich seine Kosten leisten können. So fällt die Last häufig jenen zu, die sie am wenigsten tragen können.
Die Studie vereint Erkenntnisse aus der Ökologie, der Evolutionsbiologie, der politischen Ökologie und der Geschlechterforschung. Geleitet wurde sie von Conor Waldock, damals Postdoc am Wasserforschungsinstitut Eawag und der Universität Bern und heute Assistenz-Professor am Trinity College Dublin, in Zusammenarbeit mit Ole Seehausen, Gruppenleiter in der Abteilung Fischökologie und Evolution der Eawag und Professor an der Universität Bern, Anna Samwel Manyanza von der Universität Bern sowie zwei Forschenden der Wyss Academy, Prof. Margaret Awuor Owuor und Van Thi Hai Nguyen. Die Methode ist Teil der Argumentation: Globale Datensätze, so zeigen die Autor*innen, entfalten ihre volle Bedeutung erst dann, wenn man sie vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte und der konkreten Realitäten einzelner Orte liest. Diese Arbeitsweise beruht auf der Überzeugung, dass sich der Schutz der Biodiversität nicht von Governance, Lebensgrundlagen und der Frage trennen lässt, wer bei Entscheidungen mitreden kann.
Instrumente des Naturschutzes können Ungleichheit verstärken
Die unbequemere Schlussfolgerung ist: Die vertrauten Instrumente des Naturschutzes können die Ungleichheit, die sie eigentlich mindern sollen, vertiefen. Debt-for-Nature-Swaps etwa tauschen, so die Autor*innen, die Schulden eines Landes gegen Naturschutzzusagen ein, ohne zu fragen, warum diese Schulden überhaupt entstanden sind. Vielerorts tragen lokale Gemeinschaften die Kosten der Schutzgebiete, während die Vorteile weit entfernten Akteur*innen zugutekommen. Naturschutz funktioniert, so die Studie, nur dann, wenn er mit einer Veränderung dieser grundlegenden Bedingungen einhergeht – des Handels, der Schulden, der Frage, wessen Verwantwortung zählt – und nicht einfach über sie gestülpt wird. In der Begutachtung wurde die Studie als eine der wenigen seit Jahren bezeichnet, die einen neuartigen Beitrag zur Debatte um Armut und Umwelt leistet. Was sie vom Naturschutz fordert, geht über Teilhabe hinaus: Geschichte als Ursache zu behandeln, nicht als blosse Kulisse.
Titelbild: Die Gewinne aus der Nutzung natürlicher Ressourcen wie etwa der Baumwolle kamen in kolonisierten Ländern nicht ihnen selbst zu Gute, sondern trugen zum industriellen Aufstieg Europas bei. (Foto: Martinesku, Adobe Stock)