News
Wie die Energienachfrage flexibler wird
29. September 2026 |
Wären Sie bereit, an folgendem Programm Ihres Energieversorgers teilzunehmen: Absenkung der Raumtemperatur um 2 Grad abends zwischen 18 und 22 Uhr? Zudem müssten Sie einmal pro Woche für 3 Stunden auf ihre Waschmaschine, den Geschirrspüler, den Wäschetrockner und das Aufladen von Elektroautos verzichten. Sie würden damit die CO2-Emissionen um 5 Prozent senken und bekämen als finanziellen Ausgleich 100 Franken pro Jahr. Dies war eine von verschiedenen Optionen, die Mieter und Mieterinnen in einer Umfrage auswählen konnten.
«Damit wollen wir herausfinden, inwieweit die Befragten bereit wären, ihren Energiekonsum einschränken zu lassen», erklärt Fabian Dvorak, Wissenschaftler in der Abteilung Umweltsozialwissenschaften der Eawag. Die Umfrage ist Teil der Joint Initiative «Swiss Center of Excellence on Net-Zero Emissions», kurz SCENE, in dessen Rahmen Forschende des ETH-Bereichs zusammenarbeiten im Hinblick auf das Schweizer Emissionsziel Netto-Null bis 2050.
Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien werden Angebot und Nachfrage im Stromsystem immer stärker schwanken. Flexibilität auf Konsumentenseite könnte Energieversorgern helfen, Lastspitzen zu glätten und Investitionen in teure Speichertechnologien zu reduzieren. «Unser Ziel ist zu eruieren, welche Ausgestaltungen des Energiesystems von den Schweizer Haushalten akzeptiert würden», sagt Ivana Logar, Leiterin der Gruppe Umweltökonomie in der Abteilung Umweltsozialwissenschaften der Eawag.
CO2-Reduktion motiviert zum Mitmachen
Befragt wurden über 1700 Mieter und Mieterinnen in der gesamten Schweiz. «Generell haben wir festgestellt, dass eine Bereitschaft für Programme mit Flexibilitätsmassnahmen vorhanden ist», zieht Dvorak Bilanz. Dabei zeigt sich jedoch, dass Temperaturabsenkungen besonders sensibel sind. Dafür erwarten die Befragten den höchsten finanziellen Ausgleich. Einschränkungen bei elektrischen Geräten werden eher akzeptiert und erfordern geringere Ausgleichszahlungen. Bei Programmen, die eine hohe CO2-Reduktion beinhalten, darf die Kompensation durchaus niedriger ausfallen, denn: «Die Emissionsreduktion an sich motiviert die Leute bereits mitzumachen», sagt Dvorak.
Um herauszufinden, welche individuellen Faktoren bei der Zu-stimmung zu den Programmen eine Rolle spielen, ermittelten die Forschenden mithilfe von standardisierten Fragen aus der Verhaltensökonomie auch Risikobereitschaft und Zukunftsorientierung der Teilnehmenden. Resultat: Risikobereitere und besonders zukunftsgerichtete Personen sind eher bereit, bei den Programmen mitzumachen, und benötigen geringere finanzielle Anreize.
Hohe Investitionsbereitschaft von Eigentümerinnen und Eigentümern
Eine zweite Umfrage der Forschenden richtete sich an die Eigentümer und Eigentümerinnen von älteren Häusern. Ziel war es zu verstehen, welche Investitionen realistisch sind, wenn konkrete Massnahmenpakete zu bestimmten Preisen angeboten werden. Diese Pakete kombinierten Massnahmen wie die Installation von Photovoltaik, Wärmepumpen, Holz- und Pelletheizungen oder Batteriespeichern, den Anschluss an Fernwärme oder die Isolation der Gebäude. Die Befragten mussten sich zwischen verschiedenen Kombinationen entscheiden, die mit unterschiedlichen CO2-Einsparungen einhergehen. «Ein solches Auswahlverfahren widerspiegelt die Kaufentscheidungen besser, als wenn man fragt, wie viel jemand für ein Energiekonzept, das 40 Prozent CO2 einspart, ausgeben würde», sagt Logar. Es zeigte sich, dass die Nachfrage nach Photovoltaik auf den Hausdächern, Wärmepumpen und Gebäudeisolation in allen Regionen hoch ist, dabei aber stark auf Preisänderungen reagiert. «Diese Technologien werden sich in Zukunft durchsetzen, weil die Leute eine hohe Investitionsbereitschaft haben und die Preise voraussichtlich sinken werden», sagt Dvorak. Elektrizitätsspeicher hingegen sind allein kaum attraktiv, sondern nur in Kombination mit anderen Technologien wie Photovoltaik oder Wärmepumpen. Daraus ergibt sich beispielsweise, dass isolierte Subventionen für Batteriespeicher im Heimbereich vergleichsweise weniger sinnvoll wären.
Als nächstes sollen die Umfrageergebnisse in Energiemodellierungen fliessen, welche im Rahmen von SCENE Szenarien für die Transformation des Schweizer Stromsystems bis 2050 simulieren. «Mit unserer Arbeit wollen wir verhindern, dass die Forschenden, aber auch die Energieversorger mit Konfigurationen rechnen, die zwar technisch einwandfrei und sinnvoll sind, aber wenig Rückhalt in der Bevölkerung haben», sagt Dvorak.
Titelbild: Flexibilität beim Energieverbrauch auf Konsumentenseite – etwa indem man den Geschirrspüler oder die Waschmaschine dann einschaltet, wenn das Stromangebot gross ist – könnte Energieversorgern helfen, Lastspitzen zu glätten und Investitionen in teure Speichertechnologien zu reduzieren. (Foto: Adobe Stock)
Finanzierung
- Eawag
- ETH Rat
- WSL