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«Wir versuchen, relevantes Wissen zu schaffen»
8. September 2026 |
Herr Stamm, die Energieversorgung der Schweiz soll bis 2050 CO2-neutral sein. Welche Bedeutung hat dabei das Wasser?
Wasser spielt bei der Energiewende in verschiedener Hinsicht eine wichtige Rolle. Die meisten denken wohl zuerst an die direkte Nutzung der Wasserkraft, die in der Schweiz stark etabliert ist. Sie war im 20. Jahrhundert ein echter wirtschaftlicher Erfolgsfaktor und ist eine hervorragende heimische Energiequelle. Im Gegensatz zu Solar- oder Windenergie ist sie gut regulierbar. Wenn man Wasser gestaut hat, kann man die Turbinen genau dann laufen lassen, wenn Bedarf da ist.
Wasser kann aber auch sehr viel Wärme speichern. Seen oder das Grundwasser eignen sich als saisonale Wärmespeicher. Und auch bei der Geothermie dient Grundwasser als Wärmequelle. Ein anderer Aspekt ist die Speicherung von CO2 aus der Atmosphäre im Untergrund. Dort stellt sich die Frage, was mit dem tiefen Grundwasser geschieht.
Der Bund sieht mit der Energiestrategie 2050 einen weiteren Ausbau der Wasserkraft vor. Ist das vereinbar mit dem Schutz der Biodiversität?
Das ist der zentrale Zielkonflikt. In der Schweiz haben wir das Ausbaupotenzial weitgehend ausgeschöpft. Unsere Oberflächengewässer sind durch die Energienutzung bereits sehr stark beeinträchtigt. Es gibt politische Forderungen, gleichzeitig mehr Strom zu produzieren und die Biodiversität zu fördern. Das klingt zwar gut, aber: Geht das überhaupt? Die Realität setzt da Grenzen, und unsere Forschung versucht, die Möglichkeiten auszuloten. Ab einem gewissen Punkt jedoch muss man politisch abwägen, was man mehr gewichten will. Dabei sollte man dafür sorgen, dass das Verhältnis zwischen dem Nutzen der Stromproduktion und den ökologischen Kosten möglichst günstig ausfällt.
Wo ist dieses Kosten-Nutzen-Verhältnis zwischen Ökologie und Energie besonders schlecht?
Kleinkraftwerke haben einen marginalen Anteil an der Stromproduktion, richten aber gesamthaft grossen ökologischen Schaden an. Kleine Gewässer machen mehr als zwei Drittel der Fliessstrecken sämtlicher Schweizer Gewässer aus. Deren Vernetzung ist für Fische und andere Wasserlebewesen essenziell. Mit einem Kleinkraftwerk zerschneidet man diesen Gewässerraum, ohne energetisch viel zu gewinnen. Es wäre sinnvoller, grössere Anlagen an bereits beeinträchtigten Gewässern auszubauen, wenn man dafür andere Bäche und Flüsse schont und gewisse Anlagen auch zurückbaut.
Welche anderen Schäden verursachen Wasserkraftwerke?
In den Alpen sorgen Staudämme dafür, dass es unterhalb davon keine natürlichen Hochwässer mehr gibt. Hochwasser hat aber eine wichtige ökologische Bedeutung. Es bewegt Sedimente – Steine und Sand. Ohne diese Durchspülung verschwindet das grobe Material, in dem beispielsweise Forellen laichen. Andererseits gibt es die unnatürliche Schwall-Sunk-Dynamik, wenn die Stromproduktion kurzfristig hoch- und runtergefahren wird. Damit können die Lebewesen nicht umgehen. Im Mittelland sind die grossen Wasserlaufkraftwerke Wanderhindernisse für Fische. Zwar ermöglichen Fischtreppen vielerorts den Fischen den Aufstieg in Ufernähe. Flussabwärts folgen die Fische aber der Hauptströmung und geraten in die Turbinen. Zwischen den Laufkraftwerken ist zudem ein Grossteil der Flüsse aufgestaut. Das sind mehr Seen als Flüsse – und damit andere Ökosysteme. Jedes dieser Kraftwerke hat also einen negativen Einfluss auf die natürlichen Gewässer.
Die vielen Rollen des Wassers in der Energiewende. Klicken sie auf die roten Punkte, um mehr zu erfahren.
(Grafik: Peter Penicka, Eawag)
Was kann die Eawag zur Lösung des Zielkonflikts zwischen Energieproduktion und Schutz der aquatischen Lebensräume beitragen?
Wir versuchen, Wissen zu schaffen, das in dieser Diskussion relevant ist. Wie kann man Gewässer dynamischer machen, oder wo gibt es Verbesserungen sowohl für die Biodiversität wie auch für die Energieproduktion? Es geht darum, smartere und flexiblere Lösungen zu finden, die ein Synergie-Potenzial haben, sodass beide Seiten davon profitieren. Zudem haben wir die akademische Freiheit, Etabliertes infrage zu stellen und einen frischen Blick auch auf die Debatte zur Energiewende zu werfen.
Haben die wissenschaftlichen Erkenntnisse tatsächlich einen Einfluss auf die politischen Debatten?
Wir wollen möglichst gute und robuste Daten zur Verfügung stellen, auf deren Basis man vernünftige Entscheidungen treffen kann. Ein Beispiel sind die Stromverluste, wenn die Restwasserbestimmungen, wie im Gesetz vorgeschrieben, umgesetzt werden. Wir führten zusammen mit der WSL und der Universität Bern eine vertiefte Analyse durch. Diese zeigt, dass die Einbussen zweieinhalb- bis dreimal tiefer sind als bisher angenommen. Man kann also die Biodiversität mit geringeren Energieverlusten schützen. Ich hoffe, dass dieses Ergebnis einen besseren Abgleich der Interessen ermöglicht.
Ein besseres Abwägen und fundiertere Entscheide allein werden aber kaum genügen, um die Energie- und Umweltprobleme zu lösen.
Ja, es braucht mehr. Man muss sich auch überlegen, mit welchen Strategien man die Nachfrage nach Strom reduzieren kann. Wir haben beispielsweise gezeigt, dass die Leute bereit sind, ihren Energiebezug so anzupassen, dass der Spitzenbedarf weniger hoch ausfällt. Zudem konsumieren wir ja nicht Strom als Strom, sondern zu einem Zweck, der sich vielleicht auch anders erfüllen lässt. Ein Beispiel: In heissen Sommern steigt der Strombedarf für Klimaanlagen. Aber es gibt andere Möglichkeiten, Hitzewellen in Städten erträglicher zu machen: durch blau-grüne Infrastruktur mit Bäumen, begrünten Flächen und mit Wasserkreisläufen im Siedlungsgebiet. Wasser, das im Boden gespeichert ist und verdunstet, kühlt ganz natürlich.
Was denken Sie? Schaffen wir die Energiewende, und dies zu vertretbaren ökologischen Kosten?
Grundsätzlich haben wir noch viel Potenzial, gezielter und haushälterischer mit unserer Energie umzugehen. Ein Elektroauto ist zwar viel energieeffizienter als ein Verbrenner, aber müssen wir anderthalb Tonnen Material bewegen, um 70 Kilo Mensch von A nach B zu bringen? Vielleicht könnten wir umweltfreundlichere Statussymbole kreieren. Das Problem, wie man Gewässerperspektive und Energiewende zusammenbringt, lösen wir nicht nur mit einer technischen Betrachtungsweise. Ich bin in Schaffhausen aufgewachsen in der Nähe des Rheinfalls. Die Stadt hat eine lange Tradition, sich gegen die Verbauung des Rheins zu wehren. Gewässer haben auch eine ästhetische und emotionale Bedeutung. Sie sind nicht nur für Tiere und Pflanzen, sondern auch für uns ein Teil des Lebensraums, einer lebenswerten Umwelt. Dem müssen wir Sorge tragen.