Département Gestion des eaux urbaines

POLAAR - Politik- und Akteursanalyse der Bewirtschaftung von Abwasserinfrastrukturen im Zeitalter der Digitalisierung

Verbesserungen des Gewässerschutzes brauchen nicht nur technische Lösungen

Abwasserreinigungsanlagen (ARA) werden so gebaut, dass sie bei Trockenwetter das gesamte Abwasser behandeln. Bei Regenwetter wird aber so viel mehr Wasser in Regen- und Mischwasserkanalisationen abgeleitet, dass die Kapazitäten der ARA überschritten werden. Um stark verschmutze Regenabflüsse aufzufangen werden seit den 1970er Jahren Regenüberlaufbecken (RÜB) und Regenüberläufe (RÜ) gebaut, die verdünntes Mischabwasser zwischenspeichern oder direkt in Flüsse und Seen ableiten.

Diese Anlagen werden trotz heutiger technologischer Möglichkeiten aber aus verschiedenen Gründen oft nicht optimal betrieben:

  1. Zum Teil fehlen Messdaten über das Speicher- und Überlaufverhalten der Anlagen. 
  2. Falls Messdaten vorhanden sind, fehlt oft das Verständnis im Umgang mit den Daten. So werden sie beispielsweise falsch protokolliert, oder nur für betriebliche Aspekte, wie z.B. Alarmmeldungen bei Funktionsstörungen, ausgewertet. Für einen effektiven Vollzug der Gewässerschutz-Vorgaben sollten aber nicht nur die Behörden wissen, ob die Anlagen gut oder weniger gut funktionieren, sondern die Daten für zukünftige Planungen auch aufbereitet und archiviert werden. 
  3. Organisatorische Zuständigkeiten sind oft nicht eindeutig festgelegt, so dass ARAs zwar das Abwasser einer Gemeinde behandeln, aber nicht die RÜBs betreiben und deshalb die Leistung des RÜB nicht beeinflussen können.

Alle oben genannten Probleme deuten darauf hin, dass die Infrastruktur in vielen Gemeinden zwar bezahlt wurde, aber so betrieben wird, dass die mögliche Leistung nicht voll ausgeschöpft wird. Da in den nächsten Jahrzehnten zudem noch ca. 2 Mrd. CHF in ähnliche Anlagen investiert werden sollen, muss jetzt untersucht werden,  welche organisatorischen und politischen Veränderungen notwendig sind. 

Ziel des Projekts POLAAR ist 1) die Identifikation von bestehenden organisatorischen und politischen Hindernissen, die einem effektiven Betrieb der Anlagen entgegenstehen und 2) die Erarbeitung von Politikinstrumenten, welche als Massnahmen oder Anreize wirksam wären, um diese Hindernisse zu überwinden.

Mit Unterstützung des BAFU (Bundesamt für Umwelt) werden die Zusammenhänge in der Schweizer Praxis genauer untersucht. Schwerpunktmässig werden spezifische Gemeinden über die Projektdauer begleitet (longitudinale Studie). Vorgesehen sind weiterhin gezielte Interviews mit Vertretern von Behörden, Industrie, Fachverbänden und Wissenschaft. Vergleiche mit Beispielen aus Nachbarländern, wo andere gesetzliche Vorgaben und Verordnungen gelten, werden angestrebt.

Langfristig soll der Einsatz von Politikinstrumenten in der Praxis dazu beitragen, den Gewässerschutz bei Regenwetter zu verbessern, in dem technische Innovationen (Messtechnik, Datenfernübertragung, automatisierte Datenauswertung) Anwendung finden. Damit alle beteiligten Akteure (Gemeinden, Abwasserverbände, Behörden, Planungsbüros, usw.) von der fortschreitenden Digitalisierung profitieren können, entwickeln wir Vorschläge für eine einheitliche, gemeinsame Strategie (Policy) für die Schweizer Siedlungsentwässerung.

Was ist das Netzwerk des Informationsaustauschs und der Koordination zwischen Stakeholdern, z.B. Vollzugsbehörden, Abwasserverbände, Entwässerungsplaner, die rund um den Betrieb von Abwasseranlagen aktiv sind? Welches sind ihre Verantwortlichkeiten, Kenntnisse, Bedürfnisse, und wahrgenommene Herausforderungen? Wie könnten gute Anreize aussehen, um beispielsweise eine regelmässige Erfolgskontrolle zu etablieren?