Abteilung Siedlungshygiene und Wasser für Entwicklung

Titelbild: Luftaufnahme von Siedlungen in den Bergregionen des Grossraums Tirana. (Foto: Philippe Reymond)
Titelbild: Luftaufnahme von Siedlungen in den Bergregionen des Grossraums Tirana. (Foto: Philippe Reymond)

Inklusive Siedlungshygiene für die Region um Tirana

31 agosto 2026 | Philippe Reymond

Zum ersten Mal beteiligt sich Sandec an der Planung der Sanitärversorgung in einer europäischen Stadt. Das Projekt unterstützt die albanische Regierung bei der Entwicklung von Lösungen für Gebiete, die nicht an die zentrale Kanalisation angeschlossen werden können. Dadurch wird das Verständnis für die konkrete Umsetzung des Ansatzes für Inklusive Siedlungshygiene (Citywide Inclusive Sanitation, CWIS) vertieft.

In Zusammenarbeit mit dem Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) arbeitet Sandec mit dem albanischen Ministerium für Infrastruktur und Energie, den Gemeinden Tirana, Kamza und Vora und deren jeweiligen Wasser- und Abwasserbetrieben, dem albanischen Verband für Wasserver- und Abwasserentsorgung (SHUKALB) sowie ECOPSIS an der Entwicklung einer integrierten Strategie für Abwasser und Regenwasser im Grossraum Tirana.

Die Rolle von Sandec besteht darin, technische Lösungen und Dienstleistungsmodelle für die dezentrale Abwasserbehandlung und das Management von Fäkalschlamm vorzuschlagen. Dabei wird der Ansatz für Inklusive Siedlungshygiene (CWIS) angewandt. Dieser zielt darauf ab, eine zu 100 Prozent sicher gemanagte Sanitärversorgung zu erreichen, indem verschiedene Sanitärsysteme miteinander kombiniert werden.

Die grössten Herausforderungen bei der Umsetzung des CWIS-Ansatzes sind eher institutioneller als technischer Natur. Die Europäische Richtlinie über die Behandlung von kommunalem Abwasser (UWWTD) setzt den Schwerpunkt auf grosse Infrastrukturen. Die Herausforderungen, die sich bei der Umsetzung grosser Systeme stellen – insbesondere in Bezug auf Personal, Finanzierung und Überwachung – treten bei kleinen Systemen noch stärker zutage.

Damit CWIS umgesetzt werden kann, müssen verschiedene Kapazitäten gestärkt werden. Das Projekt hat mehrere zentrale Handlungsfelder identifiziert:

1. Klare Institutionelle Verantwortlichkeit

Derzeit ist keine Institution eindeutig für die Regulierung nicht kanalgebundener Sanitärsysteme oder dezentraler Anlagen mit weniger als 1000 Einwohnerwerten (EW) zuständig. Erste Priorität hat daher eine bessere institutionelle Abstimmung:

  • Rollen und Verantwortlichkeiten der verschiedenen staatlichen Akteure klären
  • Regulatorische Rahmenbedingungen aktualisieren, um die Auswahl und Überwachung von Technologien zu steuern
  • Beteiligung verschiedener Akteure an der Planung der Sektorenentwicklung fördern

2. Betrieb und Unterhalt

Internationale Erfahrungen zeigen, dass ein zentral organisierter Betrieb und Unterhalt durch geschulte Fachkräfte oder spezialisierte private Unternehmen für dezentrale Systeme entscheidend ist. Wichtige Massnahmen sind:

Die Gründung privater Unternehmen fördern, die auf den Betrieb und Unterhalt dezentraler Systeme spezialisiert sind (Fehlerbehebung, Verfahrenstechnik, Entleerung von Schlamm)

  • Private Betreiber dezentraler Kläranlagen ausbilden und zertifizieren
  • Regelmässige Entleerungen mit an die jeweilige Technologie angepassten Intervallen einführen
  • Design-Build-Operate-Modelle (DBO) unterstützen, insbesondere bei naturnahen Systemen
  • Technologien standardisieren, um Skaleneffekte zu ermöglichen

3. Überwachung der Leistung

Die Erfassung von Daten zur Reinigungsleistung von Abwasserbehandlungsanlagen ist derzeit unzureichend – selbst bei zentralisierten Systemen. Bei dezentralen Anlagen sind die Herausforderungen noch grösser. Prioritäre Massnahmen sind:

  • Probenahmen durch akkreditierte Unternehmen statt durch die Anlagenbetreiber durchführen lassen
  • Einheitliche Vorlagen für Inspektionsberichte mit Mindestdatensätzen und standardisiertem Hochladen der Daten entwickeln

4. Sanitärsysteme vor Ort

Ein erheblicher Teil der albanischen Bevölkerung wird noch über Jahre auf lokale Sanitärsysteme wie Klärgruben und Versickerungsanlagen angewiesen sein. Derzeit wird nur sehr wenig häuslicher Fäkalschlamm gesammelt und behandelt. Wichtige Massnahmen sind:

  • Ein geolokalisiertes Register der lokalen Sanitärsysteme aufbauen (eine Anforderung der überarbeiteten EU-Richtlinie über die Behandlung von kommunalem Abwasser)
  • Anreize für erschwingliche Entleerungsdienste schaffen und die Zulassungsverfahren für private Unternehmen für den Schlammtransport vereinfachen
  • Gemeinden und Auftragnehmer zur korrekten Planung und geeigneten Standortwahl lokaler Sanitärsysteme schulen
  • Planer und Betreiber von Kläranlagen in der gemeinsamen Behandlung von Fäkalschlamm und Abwasser schulen, einschliesslich der Standards für die Wiederverwendung von Schlamm

5. Ressourcenorientierte Sanitärversorgung

Albanien verfügt über ein erhebliches Potenzial für die Wiederverwendung von gereinigtem Abwasser zur Bewässerung und in städtischen Grünflächen sowie für ressourcenorientierte Sanitärlösungen, beispielsweise die Umwandlung von Urin zu Dünger oder Systeme zur getrennten Erfassung von Grauwasser.

Dafür braucht es jedoch eine stärkere Sensibilisierung sowie die Entwicklung entsprechender Ausbildungsinhalte für Planer, Architektinnen und Architekten sowie Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in den Gemeinden.

Die meisten dieser Erkenntnisse sind auch für andere Länder relevant. Die Arbeit leistet daher einen Beitrag zur Umsetzung des CWIS-Ansatzes und liefert wichtige Erkenntnisse über die Rollen der verschiedenen Akteure sowie über entscheidende Governance- und institutionelle Rahmenbedingungen.