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«Wir müssen die Biodiversität ganzheitlicher untersuchen»
20 maggio 2020 |
Das Thema des Internationalen Tags der Biodiversität lautet «Unsere Lösungen liegen in der Natur». Was bedeutet das aus Ihrer Sicht?
CG: Das Thema macht darauf aufmerksam, dass unser Lebensunterhalt auf vielen Dienstleistungen der Natur basiert, zum Beispiel sauberes Wasser, Nahrung und Medikamente. Diese Dienstleistungen kann die Natur aber nur erbringen, wenn es eine grosse Artenvielfalt gibt. Stellen wir uns ein Unternehmen vor, in dem es nur Manager gibt. Das würde nicht funktionieren. Ein Unternehmen braucht all die verschiedenen Menschen mit unterschiedlichen Fachkenntnissen. Dasselbe gilt für die Biodiversität: Die Natur funktioniert nur, weil es viele Arten gibt, von denen jede etwas anderes gut kann. Nur so kann sie uns Menschen mit allem versorgen, was wir brauchen.
FA: Unser Wohlergehen hängt wirklich von der Natur und ihrem Artenreichtum ab. Wir müssen erkennen, dass wir nicht von der Natur getrennt, sondern ein integraler Teil von ihr sind. Gut funktionierende Ökosysteme sind auf eine hohe Artenvielfalt angewiesen, um uns mit sauberem Wasser, Nahrung und vielen anderen Ökosystemdienstleistungen zu versorgen. Darüber hinaus liefert uns die Biodiversität aber auch nicht-materielle Gütern wie zum Beispiel Glück, wenn man durch eine abwechslungsreiche Landschaft wandert. Wir müssen lernen, die Natur so zu bewirtschaften oder zu schützen, dass die Biodiversität und ihr Nutzen für uns erhalten bleiben.
Warum ist der Verlust der Biodiversität für uns Menschen gefährlich?
FA: Ein hoher Artenreichtum bietet einen grossen Fundus an unentdeckten Möglichkeiten und Potenzialen. Zum Beispiel kann die genetische Vielfalt von Pflanzen genutzt werden, um neue resistente Nutzpflanzen oder wirksame Medikamente zu entwickeln. Wird der Fundus kleiner, werden die Möglichkeiten geringer. Wenn wir also die Biodiversität verlieren, verlieren wir im Grunde genommen eine Versicherung. Und wenn sie einmal verloren ist, ist sie für immer verloren.
CG: Insekten sind ein gutes Beispiel, warum wir eine hohe Artenvielfalt brauchen. In vielen Systemen sind wir darauf angewiesen, dass Honigbienen unsere Nutzpflanzen bestäuben. Falls den Honigbienen etwas passiert, lassen sie sich kaum ersetzen. Einheimische Wildbienen und andere Insekten können in intensiv landwirtschaftlich genutzten Landschaften kaum überlebensfähige Populationen bilden. Wir haben somit keine anderen Insekten, die diese enorme Dienstleistung der Bestäubung übernehmen können. Daher ist es wichtig, die Artenvielfalt der Insekten zu erhalten.
FA: Biodiversität stabilisiert zudem Ökosysteme und trägt zu ihrer Widerstandsfähigkeit bei. Vor allem im Zusammenhang mit dem Klimawandel ist das wichtig. Die Ökosysteme müssen sich an die neuen Bedingungen anpassen. Mit einer hohen Arten- oder genetischen Vielfalt können sie diesen Wandel viel besser verkraften. Nur so werden sie in der Lage sein, für uns die erwähnten Dienstleistungen zu erbringen.