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Wissen praxistauglich und transparenter machen
2 dicembre 2022 |
Geht es um Pflanzenschutz, sind verschiedenste Akteure involviert. Dazu gehören Landwirte, Hersteller von Pflanzenschutzmitteln, Grossverteiler, Konsumentinnen, Interessenverbände und Nationalrätinnen – also Personen oder Organisationen, die politische Rollen einnehmen oder Teil der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette sind. Je nach Motivation und Interessen unterscheidet sich ihr Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, die als Evidenz bezeichnet werden, grundlegend. Sinnorientierte Akteure wollen neues Wissen mit ihren bestehenden Überzeugungen und Erfahrungen vereinen. Nutzenmaximierende Akteure setzen Evidenz strategisch ein, um ihre Interessen durchzusetzen. Wahrheitssuchende Akteure treffen ihre Entscheidungen auf Basis der besten verfügbaren Evidenz.
«In unserer Studie entwickeln und betrachten wir diese drei Akteursmodelle über verschiedene Stufen der Evidenznutzung», erklärt Eawag-Forscher Benjamin Hofmann und betont: «Dabei ist uns wichtig, dass wir die Motivationen der Akteure nicht werten.» Je nach Modell zeigen sich verschiedenste Hürden für eine evidenzbasierte Pflanzenschutzpolitik und -praxis. «Wir haben dabei nicht selbst Daten erhoben, sondern stützen uns auf andere Studien, die Teile dieses Problems beleuchten, und fügen den aktuellen Wissensstand zusammen», erklärt Hofmann die Arbeit des interdisziplinären Projektkonsortiums, an dem neben dem Wasserforschungsinstitut Eawag auch die ETH Zürich, die Universität Bern, das Schweizerische Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH) und das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) beteiligt sind.
Wahrheit, Sinn oder Nutzen
Eine der grössten Hürden für wahrheitssuchende Akteure sind Unsicherheiten, weil Wissen fehlt. «Es ist beispielsweise herausfordernd und langwierig, den kausalen Zusammenhang zwischen dem Einsatz bestimmter Pflanzenschutzmitteln und chronischen Erkrankungen wie Krebs sauber nachzuweisen», sagt Hofmann. Bei sinnorientierten Akteuren muss das Wissen zur Praxiserfahrung passen. So entscheiden sich Landwirte und Landwirtinnen eher dazu, weniger Pflanzenschutzmittel einzusetzen, wenn sie Erfolgsbeispiele von anderen Betrieben kennen.
Nutzenmaximierende Akteure nehmen mit ihren Interessen Einfluss darauf, welche Evidenz in Entscheidungen berücksichtigt wird und welche Wirkung diese entfalten. «Eine Studie hat ergeben, dass Landwirte und Landwirtinnen weniger chemische Pflanzenschutzmittel zur Bekämpfung eines neuen Schädlings einsetzen, wenn sie öffentliche Beratungsstellen in Anspruch nehmen, als wenn sie von privaten Diensten beraten werden», erzählt Hofmann: «Natürlich kann man das mit kommerziellen Überlegungen erklären.» Es gehe aber keineswegs darum, Akteure anzuprangern, sondern breit abgestützt und demokratisch legitimiert Lösungen zur Überwindung der Hürden zu finden. «Wir wollen Kompromisse finden und den Dialog zwischen den verschiedenen Akteuren und der Wissenschaft ausbauen», so der Forscher.