Neue Ergebnisse der Klimaforschung mit Eisbohrkernen
08. Januar 2009
Die Analyse eines 139 m langen Eiskerns aus dem sibirischen Altai liefert neue Erkenntnisse zur Klimaforschung. Anhand von Sauerstoffisotopen im Eis wurden die Temperaturen der letzten 750 Jahre im Altai rekonstruiert. Die Forschenden fanden einen starken Zusammenhang zwischen den regionalen Temperaturen und der Sonnenaktivität in der Zeitperiode von 1250 - 1850 und schliessen daraus, dass die Sonne eine wichtige Triebkraft für Temperaturschwankungen im Altai war.
Eawag -Forscher Jürg Beer analysiert eine Beryllium-Probe aus dem Eiskern |
Allerdings folgen die rekonstruierten Temperaturen dem Strahlungsantrieb der Sonne mit 10 - 30 Jahren Verzögerung. Mögliche Erklärung dafür ist der indirekte Einfluss der Sonne auf die Temperatur über das System Ozean-Atmosphäre. Nach 1850 ist ein deutlicher Temperaturanstieg erkennbar, welcher nicht mit der Sonnenaktivität erklärt werden kann, jedoch mit der wachsenden Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre korreliert. Das schweizerisch-russische Projekt wurde vom Paul-Scherrer-Institut geleitet. Die Eawag war mit der Analyse der kosmogenen Radionuklide von Beryllium aus dem Eiskern wesentlich daran beteiligt. |
Das
Altai-Gebirge liegt an der Grenze zwischen Russland, Kasachstan, der Mongolei
und China und gehört zu den Regionen der Erde mit einem besonders ausgeprägt
kontinentalen Klima. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von
Margit Schwikowski (Paul Scherrer Institut) hat 2001 auf dem Belukha-Gletscher
nahe des höchsten Gipfels des Altai einen 139 m langen Eiskern gebohrt. Dieser
Bohrkern hat nun nach umfangreichen Laborarbeiten seine Geheimnisse
preisgegeben.
Eiskern als Thermometer
Der Eiskern wurde im Kühlraum des PSI bei -20°C in 3600
Proben zersägt und mit einem Isotopenmassenspektrometer auf den Gehalt an Sauerstoffisotopen
16O und 18O untersucht. Es konnte gezeigt werden, dass das Verhältnis dieser
stabilen Sauerstoffisotope über die letzten 130 Jahre gut dem in einer nahe
gelegenen Messstation gemessenen Temperaturverlauf folgt. Daher kann dieser
Parameter als ein Mass für die Temperatur in der Vergangenheit verwendet
werden. Die tiefste Probe wurde auf das Jahr 1250 datiert, womit der Eiskern
Klimainformationen über die letzten 750 Jahre enthält.
Sonnenaktivität beeinflusst Temperaturverlauf
Die Intensität der Sonnenstrahlung ist keine Konstante.
Sie schwankt in Zyklen um einen Wert von 1365 Watt pro Quadratmeter. Der
bekannteste Zyklus hat eine mittlere Dauer von 11 Jahren. Direkte Messungen der
Sonnenaktivität sind erst seit 1978 möglich, aber bereits seit dem Jahr 1610
wird die Anzahl der Sonnenflecken – ein Mass für die Sonnenaktivität – mittels
Teleskopen beobachtet. Für den Zeitraum davor liefern andere indirekte Methoden
Hinweise auf die Sonnenaktivität: die Analyse der kosmogenen Radionuklide 10Be aus
polaren Eiskernen und 14C aus Baumringen, deren Gehalt auch von der
Sonnenaktivität abhängt. Die regionalen Temperaturen im Altai zeigen in der
Zeitperiode von 1250 - 1850 eine hohe Korrelation mit der rekonstruierten
Sonnenaktivität. Das bedeutet, dass die Änderungen in der Sonnenaktivität in
dieser Zeit eine Haupttriebkraft für die Temperaturschwankungen waren.
Temperatur folgt der Sonne
Interessanterweise folgen die regionalen Temperaturen
dem Strahlungsantrieb mit einer Verzögerung von 10 bis 30 Jahren. Die soeben
veröffentlichte Studie ist die erste, in der eine solche Verzögerung über einen
Zeitbereich von mehr als 500 Jahren beobachtet wurde. Da der Einfluss der
Sonnenaktivität auf das Klima noch nicht endgültig geklärt ist, sind solche
Beobachtungen ein wichtiger Beitrag zu deren Verständnis. Ein möglicher
Mechanismus, der von verschiedenen Autoren diskutiert wurde und der diese
Verzögerung von im Mittel 20 Jahren erklären könnte, ist der indirekte Einfluss
der Sonne auf Temperaturänderungen über das System Ozean - Atmosphäre. Das
Meerwasser erwärmt sich an Orten mit hoher Sonneneinstrahlung, d.h. in den
Subtropen und Tropen, am stärksten. Die Wärmeenergie wird im Ozean von niederen
zu höheren Breiten transportiert und dort wieder an die Atmosphäre abgegeben.
Aufgrund der hohen Wärmekapazität der Ozeane und variabler
Strömungsgeschwindigkeiten sind dies sehr verzögerte Prozesse. Änderungen der
atmosphärischen Zirkulation im Nordatlantik, die für Temperaturschwankungen im
Altai verantwortlich sind, könnten im Mittel schon 20 Jahre früher durch
Einstrahlungsänderungen im tropischen Ozean initiiert worden sein.
Starker Temperaturanstieg im 20. Jahrhundert kann nicht mit der Sonne erklärt werden
Anja Eichler vom PSI betont die Unterschiede zwischen der vorindustrieller
Zeit (1250-1850) und der Periode der letzten 150 Jahre: „Während Änderungen in
der Sonnenaktivität ein Hauptgrund für Temperaturschwankungen in der
vorindustriellen Zeit waren, zeigen die Temperaturen im Altai in den letzten
150 Jahren einen viel stärkeren Anstieg als die Sonnenaktivität. Dieser starke
Anstieg korreliert mit der Zunahme des Treibhausgases CO2 in dieser
Zeit. Die Ergebnisse unserer regionalen Studie deuten darauf hin, dass
Änderungen der Sonnenaktivität weniger als die Hälfte des Temperaturanstieges
seit 1850 im Altai erklären. Dies ist in Übereinstimmung mit globaleren
Studien, basierend auf rekonstruierten Temperaturen der nördlichen Hemisphäre.“
Die Arbeit ist in einer Kooperation des Paul Scherrer
Instituts mit der Eawag, dem Oeschger Centre for Climate Change Research und
dem Departement für Chemie und Biochemie der Universität Bern sowie dem
Institut für Wasser- und Umweltprobleme Barnaul (Russland) entstanden.
Originalveröffentlichung: A. Eichler, S.
Olivier, K. Henderson, A. Laube, J. Beer, T. Papina, H.W. Gäggeler, and M.
Schwikowski, Temperature response in the Altai region lags solar forcing,
Geophysical Research Letters, doi:10.1029/2008GL035930.

