Wärmerückgewinnung aus Abwasser
Der Wärmeunterschied im Vergleich zur Umgebungstemperatur macht das Abwasser zur lohnenden Energiequelle. In den letzten Jahren sind die technischen Verfahren zur Nutzung dieses Potenzials hierzulande laufend optimiert worden. Mit ihrer Forschung und der Vernetzung von Fachleuten aus verschiedenen Disziplinen hat die Eawag zum Fortschritt und zur führenden Rolle der Schweiz auf diesem Gebiet beigetragen.
Allein in den Schweizer Haushalten fallen täglich rund 1,2 Millionen Kubikmeter Abwasser an. Ein Teil davon ist zuvor durch Boiler, Solarkollektoren, Waschmaschinen oder Geschirrspüler erhitzt worden und auch als Abwasser immer noch warm. Würde man das gesamte Abwasser im Inland laufend um nur 1 °C abkühlen, entspräche das einer Leistung von rund 300 Megawatt. Ohne näher auf die Frage der Wirtschaftlichkeit einzugehen, liesse sich aus unserem Abwasser der Heizenergiebedarf von über 300000 Haushalten decken. So kann etwa die landesweit leistungsstärkste Anlage des Energieverbunds Schlieren ZH – mit gereinigtem Abwasser aus der nahen ARA Werdhölzli – im Endausbau jährlich 5 Millionen Liter Heizöl ersetzen oder umgerechnet 9000 Minergie-Wohnungen versorgen.
In
der Praxis schränkt die Lage zahlreicher Kläranlagen abseits der Siedlungen die
Wärmenutzung nach der ARA aber vielerorts ein, weil die Entfernung zu den
Energiebezügern zu gross ist. Je nach Versorgungsgebiet ist es deshalb
ökologisch sinnvoll, die Abwärme bereits dem ungeklärten Abwasser zu entziehen.
Dies kann in hauseigenen Anlagen von grösseren Überbauungen oder Betrieben mit
einem erhöhten Warmwasserverbrauch geschehen, wo die Energie dem rund 20 Grad
warmen Abwasser zum Beispiel in einem Zwischenspeicher entnommen wird. Bei
ausreichendem und einigermassen konstantem Abwasserfluss kommt auch eine
Wärmenutzung im Kanalisationsnetz in Frage. Dabei wird der Wärmetauscher direkt
in die Abwasserleitung eingebaut. Die Pioniere aus der Heizungsbranche, welche
in den 80er-Jahren die ersten solchen Anlagen installierten, unterschätzten
dabei jedoch die Wirkung der Schmutzstoffe im Abwasser auf die Leistung der
Wärmetauscher. Wie Messungen der Eawag gezeigt haben, kann die
Energieübertragung durch den sich bildenden Biofilm bereits nach wenigen Tagen
um bis zu 40 Prozent reduziert werden. Laborversuche ergaben jedoch auch, dass
eine kurzfristige Erhöhung der Fliessgeschwindigkeit die unerwünschte Sielhaut
zumindest teilweise wieder abschwemmt. Bei einer wöchentlichen Spülung erreichte
der untersuchte Wärmetauscher immer wieder mehr als 80 Prozent seiner
ursprünglichen Leistung.
Abwasserenergienutzung ist im Gebäude, in der Kanalisation oder nach der Kläranlage möglich
Der Wärmeentzug aus dem
ungeklärten Abwasser sollte die Reinigungsleistung der Mikroorganismen in der
Kläranlage nicht herabsetzen. Dies gilt vorab für den biologischen Abbau von
Stickstoff. Damit die als kritisch geltende Wassertemperatur von mindestens 8
Grad in der ARA nicht unterschritten wird, hat die Eawag für Ingenieure und
Planer ein interaktives Simulationsprogramm entwickelt. Anhand von einfachen
Kenngrössen wie Temperatur, Durchfluss, Distanz zur Kläranlage und Topografie
des Kanalisationssystems lassen sich mit dem Modell TEMPEST die Dynamik und der Verlauf der
Abwassertemperatur von einer geplanten Wärmerückgewinnungsanlage bis zur ARA
bestimmen und damit die zulässige Wärmeentnahme berechnen.
Literatur
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Wanner, O. (2004). Wärmerückgewinnung aus
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Wanner, O., Panagiotidis, V., Clavadetscher, P. and Siegrist, H. (2005). Effect of Heat Recovery from Wastewater on Nitrification and Nitrogen Removal in Activated Sludge Plants. Wat. Res., 39, 4725-4734.
Dürrenmatt, D.J. and Wanner, O. (2008). Simulation of the wastewater temperature in sewers with TEMPEST. Wat. Sci. Technol. 57(11), 1809-1815.
Wanner, O. (2009). Wärmerückgewinnung aus Abwasser: Wärmetauscherverschmutzung – Auswirkungen und Gegenmassnahmen. Schriftenreihe der Eawag Nr. 19 [pdf, 6.7 MB]

