Expeditionsberichte vom Vansee
Eawag Forschende erbohren im Rahmen des Projektes PALEOVAN die Sedimente des Vansees in Ostanatolien, Türkei. Dank seiner vulkanisch und tektonisch aktiven Umgebung, haben die Sedimente im Seegrund sehr genaue Aufzeichnungen von vergangenen Klima- und Umweltschwankungen. Die Teammitglieder berichten hier live von ihren Eindrücken während der zweimonatigen Expedition.
Siehe auch die Website von International Continental Scientific Drilling Program (ICDP)
1.9.2010
So ist das eben mit Expeditionen und Bohrprojekten, irgendwann finden sie ihr Ende, aber sicher nicht zum geplanten Zeitpunkt. Langsam aber stetig lassen die Nachwehen dieser Bohrung, geschaffen als wissenschaftliche Idee und umgesetzt in Stahl und Schweiss, nach und verebben. Der Mantel der positiven Erinnerung legt sich in Milde über Wellen und Sturm, widerliches Essen,12-Stunden-Schichten, Flohbisse, Säure und pH, verstimmte Mägen, knappes Geld, Erschöpfung, laut geführte Telefonkonferenzen und all das andere.
Die körperliche und geistige Realität des Konzepts 'Erschöpfung' weicht je nach eigener Kondition einem Gefühl irgendwo zwischen Ernüchterung und Euphorie. Nicht nur persönlich hat es uns geschafft, auch wissenschaftlich haben wir unsere Ziele letztlich erreicht. Unsere Hauptbohrung am Ahlat-Rücken hat in 220 Metern Tiefe den anstehenden Fels erreicht, so dass nicht tiefer gebohrt werden konnte. Unsere Bohrung ist damit nicht ganz so tief wie geplant ausgefallen - soweit die kleine schlechte Nachricht. Die grosse gute Nachricht ist, dass die geborgenen Sedimentkerne wohl die gesamte Geschichte des Van-Sees seit seiner Entstehung enthalten. Dies ist wissenschaftlich umso interessanter, da die tiefsten Sedimente wohl im Süsswasser abgelagert wurden und Muscheln enthalten, die so gross sind, dass sogar ich sie erkenne. Diese ältesten Sedimente wurden in einem 'normalen' See abgelagert, der mit dem heutigen Van-See und seiner extremen Hydrochemie nichts gemein hat. Damit eröffnen sich wissenschaftlich ganz neue Horizonte: Weshalb wurde aus einem Süsswasser- ein Salzwassersee? Wie hat die Biologie auf diesen Wechsel reagiert? Eben, diese Möglichkeiten stimmen milde und lassen die letzten Wochen der Strapazen und Flüche vergessen, die notwendig waren, um an diesen Punkt zu kommen.
Zurück in der Schweiz erscheint der Van-See schon wieder sehr weit
weg und der Blick geht nach vorne nach Bremen, wo noch in diesem Jahr die Kerne
für die ersten wissenschaftlichen Arbeiten beprobt werden.
Rolf Kipfer
|
Sonnenuntergang am Van-See. |
28.8.2010
In den
letzten Wochen mussten wir ständig gegen die windigen Bedingungen auf dem
Van-See kämpfen. Glücklicherweise war die letzte Bohrung der Sedimentkerne am Ahlat
Ridge sehr erfolgreich. Wir haben am 23. August zum dritten Mal den Seegrund
erreicht und damit auch das letzte Ziel unserer Bohr-Expedition am Van-See. Insgesamt wurden 828,6 Meter Sedimentkerne
geborgen und in 1013 Abschnitte (Sections) unterteilt. In den letzten zwei
Monaten wurden 387 «Core catcher» (untere Bereiche der Sedimentkerne) analysiert
und 1975 Teilproben an die verschiedenen Forschungsinstitute geschickt. Entgegen allen Erwartungen konnten wir zudem in
einer Tiefe von rund 206 Metern im Seesediment eine Edelgasprobe nehmen.
Am 27. August erreichte die DOSECC- Plattform nun wieder den
Hafen von Ahlat. Ohne langes Zögern hat die Crew mit der Demontage begonnen.
Die Behälter, die über zwei Monate unser Arbeitsplatz waren, werden verwendet,
um die Geräte und Materialien aufzunehmen, die für das nächste ICDP-Bohrprojekt
am Toten Meer verschifft werden. Auch im provisorischen Labor in Ahlat haben
wir begonnen, unser gesamtes Material zu verpacken, um es zurück in die Schweiz
zu schicken. Der Kühlbehälter mit den Sedimentkernen ist für den Versand bereit.
Da das Boot der Universität
nicht mehr für die Bohr-Operationen benötigt wurde, konnten wir es nutzen, um
die Ankerplattform der Eawag neu zu stationieren. Seit fünf Jahren sammeln die Sedimentfallen
an der Plattform Partikel in der Wassersäule des Van-Sees. Zusätzlich haben wir
noch einige kurze Sedimentkerne in der Region des Ahlat Ridge erbohrt, um die
Sedimentproben zu vervollständigen.
Nun ist
es Zeit, auf Wiedersehen zu sagen! Nach zwei Monaten Arbeit im 24-Stunden-Takt
an sieben Tagen pro Woche in Ostanatolien ist jeder glücklich, wieder nach
Hause zu fahren. Dennoch ist dies erst der Anfang der PALEOVAN Projekts: die
Sedimentkerne sind auf dem Weg zum Sedimentkern-Lager in Bremen (Deutschland)
und schon bald wird sich das Wissenschafter-Team dort wieder begegnen. Wir
freuen uns auf die vielfältigen Informationen, die uns die Sedimente des
Van-Sees liefern werden!
Yama
Tomonaga and Mona Stockhecke
25.8.2010
17 km/h um 20:05 Uhr, 37 km/h um 20:17 Uhr, 40km/h um 20:30 Uhr: Windgeschwindigkeiten der gestrigen Nachtschicht. “Ain’t no hurricane driller!”, meint Joe unser Bohrmeister und schaltet das Gerät ab. Die Wellen schwappen schon über die Plattform. Statt der gewünschten 30 erbohren wir nur 10 Meter.
Vorausplanung, das haben wir inzwischen gelernt, ist bei Bohrungen unmöglich. Trotzdem nähern wir uns dem Ziel von drei 220 Meter langen Kernen am Ahlat Ridge. Das Ende ist absehbar und die Anspannung der Expeditionsteilnehmer sinkt und die US- amerikanische Bohrmannschaft sinniert über Bacon und Spare Ribs – Hauptsache Schwein!
Spannend, neben dem
Bohrfortschritt ist es auch, den Fastenmonat Ramadan mitzuerleben. Von
Sonnenauf- bis Sonnenuntergang hungern die jungen Hotelbediensteten und träumen
von der ersten Zigarette am Abend. Vorteile bringt die tägliche Enthaltsamkeit
von allem irdischen, vor allem der Nachtschicht. Diese kann um 3:15 Uhr, vor
dem Morgengebet, in türkischer Gesellschaft frühstücken.
Paul Hammer
17.8.2010
Die Bohrungen am Loch 2D dauerten zwei ganze Tage und Nächte, bis der Bohrkopf des ALIEN-Kernbohrers am 21. August 2010 um 2:30 Uhr bei einer Sedimenttiefe von 217 m schliesslich bis zum Sedimentgrund des Vansees vorgedrungen war. Uns erwartete eine gute Auswahl grobkörnigen Vulkansands, der an vielen Stellen Muschelfragmente aufwies. Ein Hoch auf unsere Bohrcrew! Wir gratulieren zudem unseren Kollegen der Seismologie, die den Untergrund am Ahlat Ridge bei einer Tiefe von 220 m recht genau vorhergesagt hatten!
Somit haben wir das Kernziel unserer
Expedition erreicht. 500.000 Jahre Erdengeschichte, aufgezeichnet in
Sedimentkernen, stehen zur eingehenden Untersuchung bereit. Dieser Erfolg lässt
uns die hohen Wellen der letzten Tage und die Magenprobleme einiger
Expeditionsteilnehmer vergessen. Wir fahren nun mit Loch 2E fort, wo wir –
vorausgesetzt, Wind und Wellen machen uns keinen Strich durch die Rechnung –
rasch eine Parallel-Kernbohrung durchführen werden, um zusätzliches Material zu
erhalten und Informationslücken von Loch 2D zu schliessen.
Paul Hammer
|
Die Bohrcrew der Nachtschicht, Gary, Joe, Pete |
14.8.2010
Jenseits von 215 Metern
unter dem derzeitigen Seeboden im Bereich des Ahlat-Rückens kann das Bohrteam
immer weniger Sediment zu Tage fördern - egal welche Technik sie anwenden. Das
gewonnene Material ist sehr dicht, hart, trocken, sandig und enthält viele
weisse Bestandteile, offenbar Rückstände von Muscheln. Die seismischen Daten
weisen auf lehmartiges Material hin und lassen vermuten, dass auch unterhalb
dieser Tiefe solches Material zu finden ist. Haben wir den Grund des Vansees
erreicht? Wir vermuten es...
Marie-Eve Randlett
|
Das trockene und sandige Material ist undurchdringbar und scheint nicht mit dem Ton oder der Tephra vergleichbar, welche wir auf dem Weg nach unten gefunden haben. |
9.8.2010
Rund 120 Meter Sediment wurden in den letzten drei Tagen an Land und in unser Hotel in Ahlat gebracht. Das ganze Team ist damit voll ausgelastet, es zu analysieren und jeder ist guter Laune, weil wir nun endlich wirklich gute Proben erhalten haben. Heute Nachmittag hat das Logging Team die Arbeit auf der Plattform aufgenommen. Das Logging Team ist für die geophysikalischen Messungen im Bohrloch verantwortlich.
Wir haben inzwischen mit unseren Sedimentkernen die Sedimentschichten des
Ahlat-Rückens gut abgedeckt und der Rest der Bohroperation wird sich nun auf
die Bohrungen in einer noch grösseren Tiefe, tiefer als 120 Meter,
konzentrieren. Die Bohrfachleute haben inzwischen viel Erfahrung mit dem Vansee-Sediment
und wir sind daher zuversichtlich, auch aus diesen tieferen Schichten Bohrkerne
zu erhalten und damit die Klimaentwicklung in noch früheren Zeiträumen
untersuchen zu können.
Marie.Eve
Randlett
Das Logging-Team kommt mit seinem Arbeitsmaterial auf der Bohrplattform an. |
|
Ein Weltrekord: Matthias Brennwald entnimmt eine Probe eines nie zuvor in dieser Tiefe im Seesediment gewonnenen Edelgases. |
7.8.2010
Wir wissen, dass der Van-See von Vulkanen umgeben ist und haben daher erwartet (und uns sogar eifrig bemüht), pyroklastische Ablagerungen (sog. Tephra) in den Sedimentschichten des Vansees zu finden. Und tatsächlich! Inzwischen sind unsere Notebooks mit Einträgen über Tephra-Schichten, die über verschiedene Farben, Korngrössen und Texturen der Proben Auskunft geben, gefüllt. Allerdings, so spannend, faszinierend und einzigartig sie sind, so grosse Herausforderungen stellen die Tephra-Schichten auch für die Bohrungen dar: die Tephra-Schichten können extrem dick sein und sind in der Regel schlecht gefestigt. «Die Schichten formen innerhalb des Bohrlochs zum Teil instabile Wände, die leicht zusammen brechen können», erklärt unser DOSECC Chefgeologe Douglas W. Schnurrenberger.
Heute aber ist das Wetter wunderbar
und der Bohrschlamm hat die richtige Konsistenz. Nur die Tephra-Schicht spielt
den „Troublemaker“. Ein Einsturz blockiert das Bohrloch und verlangsamt die
Operation einmal mehr. Der Plan ist nun, die Tephra-Schicht auszuwaschen, ohne
sie zu erbohren und es dann noch mal zu versuchen. Wir halten uns selbst die
Daumen, dass wir weiter unten auf einfacheres Material
treffen.
Marie.Eve
Randlett
|
Das Vansee-Team besichtigt den Nemrut Krater. Er hat einen Durchmesser von 7-8 Kilometern, was einem einen Eindruck gibt, wie stark die Eruptionen hier gewesen sein müssen. |
4.8.2010
Das Bohrloch am Ahlat Ridge wird tiefer und tiefer.
Das Bohren wird mit der Tiefe allerdings weder einfacher noch schneller,
weshalb wir hin und wieder zu Pausen gezwungen sind. Nachts verbringen wir
diese Pausen meist schlafend, was mit dem (mehr oder weniger) sanften Schaukeln
der Plattform und dem imposanten Sternenhimmel über dem Vansee meist sehr
erholsam ist. Ansonsten lassen wir unserer Kreativität freien Lauf und zaubern
mit den bescheidenen Mitteln auf der Bohrplattform kulinarische Leckerbissen
für uns und die Bohrcrew.
Matthias Brennwald
29.7.2010
In der Nacht vom letzten Sonntag war es soweit: das Bohrgestänge war in eine Wassertiefe von 357 Metern bis einen Meter oberhalb der Sedimentoberfläche ausgefahren, alles war bereit zum bohren. Die Bohrung lief bis zu einer Sedimentiere von 30 m wie geschmiert. Danach mussten wir etwas langsamer vorgehen, weil sich einerseits die Wind- und Wellenbedingungen verschlechterten und andererseits das Sediment häufig mit den aus der ersten Bohrstelle schon bekannten mächtigen, schwer durchdringbaren Tephra-Schichten versetzt ist. Zurzeit steht der Bohrkopf in einer Tiefe von 95 Metern.
Die Kernsegmente werden von der Plattform in unser
Hotel gebracht, wo sie im eigens dafür eingerichteten Labor ersten Analysen
unterzogen werden. Unsere türkischen Kollegen messen mit einem Multisensor Core
Logger Tiefenprofile der Magnetisierbarkeit, der Dichte, Schallgeschwindigkeit
und elektrischen Leitfähigkeit der einzelnen Segmente. Diese Profile dienen uns
im Moment dazu, die genaue zeitliche und geometrische Abfolge der verschiedenen
Segmente relativ zueinander festzulegen. Im Weiteren werden diese Daten dazu
verwendet, um sedimentologische Einheiten zu identifizieren und genau zu
charakterisieren.
Matthias Brennwald
25.7.2010
Rückblende zum 19.7.2010: "…und morgen wird die Bohrplattform an der neuen Bohrstelle hoffentlich verankert." Dafür braucht es aber nicht nur die grossen Dinge wie die zwischenzeitlich verlorene Ankerplattform, manchmal sind die kleinen Dinge eben genauso wichtig. Insbesondere bei den Wellen gilt dabei "small is beautiful" – und Murphy hat die Wellen des ganzen Sees genau in unser Arbeitsgebiet geblasen. Wenn dann auch noch das Boot zum Schleppen der Plattform mit einem Antriebsdefekt hilflos auf dem See herumdümpelt, geht es auch nicht besser. So hatten wir viel Zeit, erste Blicke auf die an der ersten Bohrstelle aufgenommenen Log-Daten zu werfen, die wunderschöne Umgebung zu erkunden oder sogar bei den türkischen Langlaufcracks mitzutrainieren.
Als wir dann auf der Plattform anstelle der schon etwas angestaubten türkischen Flagge ein nagelneues Exemplar hissen, lassen sich die Götter endlich beschwichtigen und die Plattform findet doch noch den Weg an ihr Ziel. Zur Freude aller konnten wir gestern Nacht den Bohrbetrieb an der neuen Stelle aufnehmen und so die zweite, für uns wichtigste Reise in die Vergangenheit des Vansees in Angriff nehmen!
Matthias Brennwald
22.7.2010
Schlechtes Wetter mit Wind und Wellen verzögert unsere Bemühungen, die Bohrplattform an der nächsten Bohrstelle zu verankern, aber die Vorhersagen sind besser und wir sind zuversichtlich, dass wir bald am Ahlat Ridge bohren können.
Ganz Ahlat, der Küstenort in dem wir unsere Basis haben, kennt uns mittlerweile, so dass wir auf der Strasse und in den Läden immer wieder auf das Bohrprojekt angesprochen werden. Alle vermuten, dass wir nach Rohstoffen bohren, meistens wird Uran genannt, manchmal Öl. Uns liegt deshalb viel daran, die Leute mit Flyer und Informationen über unser rein wissenschaftliches Projekt aufzuklären. Im Hotel nutzten wir dazu gestern die Gelegenheit, einer grossen Gruppe von Teenagern eine Führung durch das Labor anzubieten und dabei unsere Bohrarbeiten vorzustellen. Diese Sportler bilden das türkische Top-Nachwuchsteam im Skilanglauf. Sie werden für die Olympiade in Sotschi 2014 von professionellen Betreuern ausgebildet und trainieren hier mit Roll-Skis auf den Strassen. Prof. Namik Cagatay, unser Kollege von der Istanbul Technical University, führte in zwei Gruppen die LangläuferInnen in die Geheimnisse unseres Projektes ein. Die anschliessende Fragestunde war länger als der Vortrag, also wurde offenbar sehr viel Interesse geweckt. Ähnliche Ereignisse werden folgen, so dass wir auch der lokalen Bevölkerung etwas Bleibendes nach Abschluss der Bohrarbeiten mitgeben können. Zudem wird durch die enge Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen von der Universität Van auch in Zukunft garantiert sein, dass unsere Ergebnisse nicht nur in internationalen Journals, sondern auch in den wichtigsten Kanälen der türkischen Geo-Szene verbreitet werden.
Flavio Anselmetti
19.7.2010
Mittlerweile ist der Bohrmeissel an der ersten Bohrstelle in über 140 m Tiefe angekommen, und wir sind sehr zufrieden, dass diese lange Sedimentabfolge bereits durchdrungen ist. Gesamthaft stapeln sich über 200 m Kerne im Kühlcontainer, den wir im Hotelgarten mit Seeblick platziert haben. Damit sind wohl schon über 150'000 Jahre Umwelt- und Klimageschichte an Land - ein guter Start, und dies schon nach den ersten zwei Bohrwochen.
Nun wären wir bereit, die Bohrplattform an die zweite Bohrstelle, 7 km weiter Richtung Seemitte, zu schleppen. Doch dann kam gestern der Schock: Das dort seit paar Tagen an einem Kabel befestigte Ankerfloss mit der grossen Kabelwinde, sowie die vier platzierten Bojen für das Festmachen der Ankerleinen der grossen Plattform, sind verschwunden. Einfach weg, nichts in Sicht, Leere auf dem Schiffsradar! Das Floss besteht aus vier verbundenen Frachtcontainern, die müsste man kilometerweit sehen. War es der Sturm von letzter Woche? Wie auch immer, wir müssen die Ankerplattform finden, weil wir sonst die Bohrplattform nicht verankern können. So sind wir zur Suche ausgeschwärmt, in Booten und Autos, aber der See ist über 100 km lang, mit einer Fläche von über 3500 km2 , dazu eine komplizierte Küstenlinie - es handelt sich also um die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Als die Hoffnung schwand, kam die Rettung in Form eines Apache-Kampfhelikopters: Dank der See-Gendarmerie, die uns schon seit Anfang der Kampagne tatkräftig unterstützt und dank den Beziehungen unseres Hoteliers, wurde gestern kurzerhand die türkische Armee angefordert. Die Helikopterbesatzung entdeckte das Ankerfloss beim Überflug auf der anderen Seeseite (!). Heute ist es bereits wieder im Schlepptau und morgen wird die Bohrplattform an der neuen Bohrstelle hoffentlich verankert. Damit können wir nun bald den Ahlatrücken erbohren, das ist die Bohrstelle, die für das Erreichen unserer wissenschaftlichen Ziele am wichtigsten ist.
Flavio Anselmetti
14.7.2010
Über 20 Leute arbeiten hier Tag und Nacht, sowohl auf der Bohrplattform als auch im Labor. Dies ist notwendig, weil ein Bohrloch im weichen Sediment immer gespült werden muss. Zudem werden mit der 24-Stunden-Arbeit auch die finanziellen Mittel effizienter eingesetzt. Zwei 12-Stunden-Schichten teilen sich die Arbeit. Für die Nachtschicht finden wir uns (ein mehr oder weniger munteres sechsköpfiges Team) jeden Tag um 18:30 Uhr im Hafen ein. Nach 20 Minuten Schnellboot-Transfer treffen wir auf der Plattform das Team der Tagschicht, das uns, von zwölf Stunden Sonne geröstet, jeweils über die Ereignisse des Tages informiert. Dann wird durch die Nacht weiter gebohrt und etwa einmal pro Stunde kommt ein drei Meter langer Kern an Bord, der mit einem Kernfänger im Bohrgestänge gefischt wurde. Wir WissenschafterInnen bearbeiten dann die wertvollen Sedimentarchive, d.h. wir schneiden sie entzwei, schreiben sie an, nehmen erste Proben. Dann machen wir das Kerngerät für den nächsten Kern wieder bereit und putzen das von Schlamm verdreckte Deck. Kommunikation ist entscheidend! So informieren wir die Bohrmannschaft, in welcher Tiefe der nächste Kern gebohrt wird, ob wir etwas an der Kerntechnik verändern sollten, oder ob wir mit der Kernqualität zufrieden sind.
Einmal schwungvoll angefangen, wird die Nacht bald lang. Sehr lang. Um den Sonnenaufgang in guter Verfassung zu erleben, sind da natürlich ein paar Runden türkischer Kaffee von Nöten. Auch die Amerikaner der Bohrmannschaft, die eigentlich die meiste und härteste Arbeit auf der Plattform machen, sind auf den Geschmack gekommen, da unsere Kaffeetechnik immer besser geworden ist. Wenn die Sonne dann einmal aufgegangen ist, gehen wir mit neuem Schwung zum nächsten Schichtwechsel und bringen dann stolz die gebohrten Meter Sediment als 'catch of the day' zurück ins Labor.
Flavio Anselmetti
9.7.2010
Heute traten die ersten, wirklich dreckigen Probleme auf. Zur Erinnerung: um Sedimentkerne zu kriegen, muss gebohrt werden. Einfach, sofern das Sediment wie feiner schwarzer Dreck aussieht. Wird das Sediment grobkörniger, so wie die Schicht «Tephra», dann neigt der Bohrkopf dazu, sich zu verkeilen. Ja, die Bohrung steckt wieder in einer Tephra fest. Und jetzt zum Problem: um grobkörnige Sedimente zu durchbohren, braucht es Bohrschlamm. Dieser verhindert, dass das Bohrloch in der durchfahrenen Sektion zusammenfällt. Gebrauchsfertiger Bohrschlamm sieht aus wie gelbliches Gelee und wird aus Vanseewasser und einem Pulver Namens GUAR, einem Polysacharid, zusammengemischt. Obwohl die Sache 'zu Hause' ausprobiert wurde und obwohl auf dem Beipackzettel zu GUAR steht, dass das Mittel auch beim pH-Wert im Vansee von 9.6 funktioniert, flockt GUAR beim Mischen mit Vanseewasser sofort aus. Der GUAR-Hersteller meint auf Rückfrage, wir sollen Pottasche zusetzen, was den pH-Wert zusätzlich erhöht! Jetzt wird's sogar mir als Geophysiker chemisch zu bunt: denn mit höherem pH lässt sich GUAR laut Beipackzettel nicht mehr mit Wasser mischen. Kurz entschlossen setzten wir heute Experimente an, wie GUAR und Vanseewasser zu vereinen sind, in dem der pH-Wert entgegen dem ExpertInnenrat durch Zugabe von Säure erniedrigt wurde. Nach einigen Stunden des Suchens haben wir im nahen Städtchen zwar keine richtigen Säuren, dafür aber WC-Entkalker, Essig und Batteriesäure gefunden. Die Experimente verliefen erfolgreich, bei pH 6.5 vereinigen sich GUAR und Wasser zu einem idealen Bohrschlamm. Ein letztes Problem bleibt: Um 2000 l Bohrschlamm für eine 12-Stunden Bohrschicht anzurühren, brauchen wir 160 Flaschen Haushaltsentkalker, 200 l Essig oder 100 l Batteriesäure - Mengen, die nicht zu handhaben sind. Morgen werden wir hochkonzentrierte Salz- und Schwefelsäure erhalten und unsere Experimente in angewandter Bohrschlamm- oder Dreckchemie weiterführen.
Rolf Kipfer
7.7.2010
Langsam kehrt so was wie Normalität ein. Seit Tagen versuchen wir, harte Schichten aus vulkanischem Auswurfmaterial, sog. Tephra, mit einem Plastikliner zu durchstossen. Weiter müssen wir die Anker für die Hauptbohrung setzen und uns auf der anderen Seite um Nebensächlichkeit kümmern. Schon wieder gilt es in den Laden für Telekommunikation zu gehen: dieses vermaledeite Occasionshandy will immer noch nicht.
Nicht nur auf der Plattform, sondern auch im handgestrickten Labor im Hotel wird hart Tag und Nacht gearbeitet. Die angelandeten Kerne werden vermessen, katalogisiert und elektromagnetisch abgetastet, um erste Ergebnisse über deren Zusammensetzung zu erhalten. Die untersten Bereiche der Kerne ('core catcher') werden in Teilproben aufgeteilt, in herkulischen Pressen ausgequetscht und zentrifugiert, um wenige Milliliter Porenwasser zu extrahieren. Dieses wird in kleine Fläschchen abgefüllt und soll ab kommender Woche an der Eawag analysiert werden. Wir sind alle am Lernen, bewegen uns aber auf der Lernkurve schnell und steil nach oben. Endlich, heute am 7. Juli 2010 gegen Mittag, wurde die über 10 Meter mächtige Tephra-Schicht durchbohrt. Hier im Labor ist alles bereit für die neuen Proben.
Rolf Kipfer
3. Juli 2010
Um den Aufstieg des Menschen zum Bauern und Städtebauer, die Klimageschichte und die Erdbeben- und Vulkantätigkeit der letzten 500 000 Jahre zu rekonstruieren, braucht es ein Archiv. Ebensolches findet sich in den jährlich geschichteten Sedimenten des Vansees. Dieses lässt sich lesen, wenn neben schlauen Köpfen viel Geld investiert wird. Ausserdem braucht es Kilometer von Stahlkabel und Glück, viel Glück.
Am Freitag ging
es endlich los mit Bohren. Im Wellengang brach zwar ein A-Frame beim Heben
eines Ankers, aber Finger und Köpfe blieben dran. Die Bohrplattform musste im
Zentimeterbereich horizontal eingeregelt werden, da sich sonst die Rohre des
Bohrgestänges nicht in einander verschrauben lassen. Doch der Erfolg lässt sich
sehen. Nach vier Jahren Planung und etlichen roten Köpfen (wegen Sonnenbrand)
wurde am 3. Juli 2010 gegen 16:30 Uhr der erste Sedimentkern erfolgreich
erbohrt.
Rolf Kipfer































