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Vom Leben wird man nicht pensioniert

3. Juli 2013,

Für René Schwarzenbach darf Forschung weder in der eigenen Disziplin noch an den Grenzen der Hochschulen Halt machen. Erst der übergreifende Blick bringe die Horizonterweiterung, die für den Dialog mit Praxis und Gesellschaft nötig sei. Dass gängige Rankings eher einen Rückfall in die disziplinenorientierte Wissenschaft und Erkenntnisgewinne in minimalsten Dosen förderten, ist ihm ein Dorn im Auge.

René, Du bist zwar seit Ende Januar 2011 offiziell pensioniert, aber es war trotzdem gar nicht so leicht, mit dir einen Termin zu finden da an der ETH. Nimmst du die Pläne des Bundesrats zur Erhöhung des Rentenalters vorweg?

Wohl kaum, die Frage ist aber: Wovon wird man pensioniert? Jedenfalls hoffentlich nicht vom Leben. Da es für mich nie eine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gegeben hat, und da ich eigentlich sehr gut mit Sachen abschliessen kann, komme ich mir überhaupt nicht pensioniert oder in den Ruhestand versetzt vor. Was sich geändert hat und was ich sehr geniesse ist, dass ich nun schon seit über zwei Jahren meine Agenda zum grössten Teil selber und vor allem nach dem Lustprinzip bestimmen kann. So bin ich zwar immer noch teilweise im Hochschulbereich tätig, meine Aktivitäten haben sich aber mehr und mehr von der eigentlichen Wissenschaft und Lehre ins Wissenschaftsmanagement und in die Wissenschaftskommunikation verlagert. Mehr Raum bleibt auch für andere Sachen wie nichtwissenschaftliche Vorträge zu Wasser- und Nachhaltigkeitsthemen, für die Pflege von Freundschaften und ganz wichtig, für meine Familie, vor allem für meine Frau und unsere zwei Enkelkinder.

Mit deiner Professur an der ETH hast du abgeschlossen, aber anderes lässt du nicht los, zum Beispiel dein Alter Ego, die Kabarettfigur des Professor Ranzenhuber.

Ja, der verfolgt mich nun schon seit über 20 Jahre und wird das hoffentlich auch weiterhin tun. Ich hätte übrigens nie eine Stelle angetreten, die es mir nicht mehr erlaubt hätte, auch gleichzeitig als Kabarettist aufzutreten. Nur schon deshalb hätte ich nie Eawag-Direktor oder ETH-Präsident werden können (lacht). Als Ranzenhuber kann ich Dinge im Klartext aussprechen, die ich als normaler Professor nie und nimmer sagen dürfte.

Nebst dem vielzitierten Umweltchemiebuch hast du als Initiator und Mitherausgeber auch nichtwissenschaftliche Bücher publiziert, wie zum Beispiel das visuelle Lesebuch: «Wem gehört das Wasser?» Wem gehört es denn nun wirklich?

Mit dieser Frage möchten wir den Betrachter oder Leser des Buchs anregen, einmal selber über die wichtigste Ressource auf diesem Planeten vertieft nachzudenken. Wenn Du unsere differenzierte Antwort auf diese Frage wissen willst, dann lies den Epilog im Buch. Der trägt übrigens den Titel «Das Wasser gehört allen – ein Plädoyer».
Welches sind denn die grössten zukünftigen Herausforderungen im Wasserbereich?
Die Gleichen, die wir schon heute haben, nur werden sie durch den Klimawandel an vielen Orten auf dieser Welt noch akzentuiert. Wasser gehört deshalb auch zu den zentralen Themen unseres zweiten visuellen Lesebuchs «Mensch Klima! Wer bestimmt die Zukunft?», da der Klimawandel auch zu Veränderungen der globalen und regionalen Wasserkreisläufe führen wird. Noch grössere Wasserknappheit am einen, noch mehr Wasser am anderen Ort sind beispielsweise Folgen, welche die Klimaforschung voraussagt. Zu den grössten Herausforderungen gehören dabei unter anderem die weltweite Nahrungsmittelproduktion, die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung der stetig wachsenden Grossstädte und natürlich die Tatsache, dass immer noch gegen zwei Milliarden Menschen keinen genügenden Zugang zu sauberem Wasser haben.

Das gilt global; wie siehst du das für die Schweiz? Für die Eawag?

Wie bei vielen anderen Dingen gehören wir in der Schweiz auch bezüglich Wasser zu den absolut Privilegierten dieser Welt. Das heisst aber nicht, dass wir in Zukunft in diesem Land auf diesem Gebiet keine Herausforderungen zu meistern haben, und dass wir deshalb auch keine Eawag mehr brauchen würden. Im Gegenteil. Zu den nationalen Herausforderungen gehören unter anderem die Erneuerung unserer sehr kostspieligen Trink- und Abwasserinfrastruktur, der Konflikt zwischen der Nutzung unserer Gewässer für die Energieproduktion und ökologischen Anliegen oder der zunehmende Siedlungsdruck auf unsere Oberflächen- und Grundwässer. Und es gibt auch in der Schweiz bezüglich der chronischen Belastung unserer Umwelt mit chemischen Schadstoffen noch vieles zu tun, obschon wir auch hier verglichen mit vielen anderen Orten auf der Welt in einer guten Situation sind.

Was hat dir so gut gefallen, dass du von 1977 bis 2005, also während 28 Jahren, an der Eawag hängengeblieben bist?

Das Besondere an der Eawag war für mich, dass sie den ganzen Bogen von der Grundlagenforschung bis zur praktischen Problemlösung spannte. Ich habe – nebst vielen tollen Kolleginnen und Kollegen – auch einen Ort gefunden, wo ich meine Disziplin, die Chemie, in eine systemorientierte, interdisziplinäre Umgebung einbringen konnte, und das in einer unheimlich motivierenden und angenehm lockeren Arbeitsatmosphäre. Zudem gab uns die Eawag Randbedingungen, die es uns erlaubten, praktisch alles untersuchen zu können, was wir wollten. Das galt und gilt übrigens nicht nur für die Eawag, sondern für den ganzen ETH-Bereich. So waren wir damals in der Lage, Pionierarbeiten leisten zu können, die andernorts nicht möglich waren. Auch hat die Eawag eine entscheidende Rolle bei der Etablierung des Studiengangs «Umweltnaturwissenschaften» an der ETH gespielt, und damit auch mir die einmalige Möglichkeit gegeben, aktiv an dieser, wie sich heute ja zeigt, tollen Erfolgsgeschichte mitgestalten zu dürfen.

Was hat sich seither verändert?

Im Vergleich zu heute konnten wir damals viel länger als «Primärproduzenten» in der Forschung tätig sein, im Feld und im Labor im Team arbeiten – heute rufen ja schon die Postdocs nach eigenen Doktoranden. Meinen ersten Doktoranden hatte ich erst, als ich bereits 40 Jahre alt war. Leider hat sich seither vor allem wegen des galoppierenden Publikations- und Zitationswahnsinns einiges zum Negativen verändert. So fördert dieser unter anderem auch einen Rückfall in die disziplinenorientierte Forschung, statt dass vermehrt wichtigen inter-und transdisziplinären Fragestellungen nachgegangen wird. Auch wird meiner Meinung nach durch den Publikationsdruck immer mehr vorhersehbare Wissenschaft produziert und diese dann noch in homöopatischen Mengen publiziert. Publizieren kann man heute schliesslich alles.

Könnte denn die kleine Eawag da überhaupt Gegensteuer geben?

Warum nicht wenigstens den Versuch wagen, zusammen mit anderen weltweit führenden Hochschulen und Forschungsanstalten ein alternatives, auf einer ganzheitlicheren, differenzierteren Betrachtung beruhendes Beurteilungssystem zu entwickeln? Und damit die heute auf wenigen, zum Teil fragwürdigen Indikatoren beruhenden Rankings abzuschaffen? Lustigerweise sind damit eigentlich fast alle einverstanden – aber es ist natürlich äusserst schwierig, dieses kommerziell aufgezogene international etablierte «Terrorsystem» zu durchbrechen. Aber auch ohne Ranglisten wäre es einfach zu beurteilen, ob eine Institution national und international führend ist, dann nämlich, wenn sie weltweit sichtbar ist und wenn ihre Abgängerinnen und Abgänger überall begehrt sind. Die Eawag zum Beispiel hat es geschafft, sowohl im akademischen Bereich wie auch in der Praxis national und international ein starkes Netz an hervorragenden Leuten zu etablieren.

Wo sollte die Umweltforschung hingehen?

Die Umweltforschung, besser gesagt die Menschen, die in diesem Gebiet forschen, müssen sich immer wieder vor Augen halten, welche Aufgaben sie eigentlich haben: Die Gesellschaft für Umweltthemen sensibilisieren, sie frühzeitig auf wichtige Umweltprobleme aufmerksam machen und ganzheitliche Ansätze für die Lösung dieser zum Teil eng verknüpften Probleme liefern. Das geht nicht im Elfenbeinturm, sondern nur im engen Diskurs mit der Gesellschaft.

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Erstellt von Andri Bryner