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Weltwassertag: «Wo Wasser fliesst, wächst Gleichberechtigung»

19. März 2026 | Bärbel Zierl

Seit 1992 rufen die Vereinte Nationen jedes Jahr am 22. März zum Weltwassertag auf. 2026 steht er unter dem Motto «Wasser und Gender». Was hat Wasser mit Geschlechtergerechtigkeit zu tun? Und warum entscheidet der Zugang zu Wasser über Bildung, Würde und Macht? Darüber sprechen wir mit Jessica MacArthur, Wissensvermittlerin in der Eawag-Forschungsabteilung Siedlungshygiene und Wasser für Entwicklung Sandec.

Jess MacArthur, Sie haben sich über viele Jahre in ihrer Forschung mit dem Thema WASH – Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene – und Gender beschäftigt. Was bedeutet für Sie „Wasser und Gender“?

Wenn wir an Wasser denken, sehen wir meist eine natürliche Ressource. Aber Wasser ist auch sozial geprägt – es ist „gegendert“. Damit meine ich: Der Umgang mit Wasser ist eng mit gesellschaftlichen Vorstellungen von weiblichen und männlichen Rollen verbunden. In fast allen Kulturen weltweit gelten Aufgaben im Zusammenhang mit Wasser als Aufgabe von Frauen und Mädchen.

Was heisst das konkret im Alltag?

Auch heute noch sind es weltweit oft Frauen und Mädchen, die Wasser holen – oft über weite Strecken – und die es im Haushalt brauchen zum Kochen, Putzen, Waschen und für die Kinderbetreuung. Ein Baby zu versorgen bedeutet: waschen, reinigen, Hygiene sichern. Auch für Schwangerschaft und Geburt ist sauberes Wasser essenziell. Dazu kommt die eigene Körperhygiene, etwa während der Menstruation. Ein sicherer Zugang zu Wasser und Toiletten ist daher eng mit Privatsphäre und Würde verbunden.
 

Beispiele aus dem Alltag

Frauen an einer erschlossenen Quelle im ländlichen Äthiopien
(Foto: Jess MacArthur, 2023)

«Mehrere Fallberichte aus dem indischen Subkontinent besagen, dass Männer sich dagegen ausgesprochen haben, den Zeit- und Arbeitsaufwands für ihre Frauen und Kinder beim Wasserholen zu reduzieren, da dies ihre traditionelle Aufgabe sei. Es wurde befürchtet, dass weniger Arbeit sie untätig machen und ihnen Gelegenheit zu unerwünschtem Verhalten geben würde.

In Dörfern in Guinea-Bissau und Tansania hingegen haben Männer eine näher gelegene Wasserversorgung begrüsst, nicht weil sie die Arbeitsbelastung ihrer Frauen verringert hat, sondern weil sie so sehen konnten, was ihre Frauen taten, und sie so unter Kontrolle halten konnten.»
Text Quelle: van Wijk-Sijbesma 1985*


* Kommentar von Jess MacArthur zu den drei Beispielen aus dem Alltag in diesem Interview: «Trotz erheblicher Anstrengungen zur Verbesserung der Wasserversorgung und Gleichstellung weltweit bestehen weiterhin geschlechtsspezifische Herausforderungen. Die drei Beispiele in diesem Artikel stammen alle aus der Zeit vor über vierzig Jahren (van Wijk-Sijbesma 1985), könnten aber auch heute aufgezeichnet worden sein. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.»

Was bedeutet der fehlende Zugang zu Wasser für die Privatsphäre und Würde von Mädchen und Frauen?

Fehlende sichere Wasch- und Toilettenräume machen Mädchen und Frauen verletzlich. Toiletten im Freien benutzen oder mit Männern teilen zu müssen, bedeutet ein erhöhtes Risiko von Beschämung, Übergriffen und Missbrauch. Geschützte Ort zum Baden oder für den Toilettengang sind daher zentrale für die Sicherheit und Menschenwürde. Eines der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen ist daher auch der sichere Zugang zu sauberem Wasser und Sanitäreinrichtungen für alle.

Welche Folgen hat es für die Gleichberechtigung, wenn hauptsächlich Frauen und Mädchen für das Wasser im Haushalt zuständig sind?

Zeit ist ein entscheidender Faktor. In vielen Regionen verbringen Frauen und Mädchen täglich Stunden mit Wasserholen – auch im Jahr 2026 noch. Diese Zeit fehlt für Schule, Ausbildung oder Erwerbstätigkeit. Gerade in Gebieten mit Wasserknappheit werden oft zuerst Mädchen aus der Schule genommen, weil sie beim Wasserholen helfen müssen. Hinzu kommt: Fehlt Wasser in Schulen, bleiben Mädchen während ihrer Menstruation dem Unterricht fern, weil sie keine Möglichkeit haben, sich zu waschen. Wasserzugang ist also unmittelbar mit Bildungsgerechtigkeit und Gleichberechtigung verbunden.
 


Beispiele aus dem Alltag

Kinder holen Wasser an einer Fusspumpe im ländlichen Togo
(Foto: Jess MacArthur, 2013)

«Studien in ländlichen Gemeinden in Burkina Faso und Indonesien zeigen, dass Mädchen im Alter von 11 bis 17 Jahren durchschnittlich fünf bis acht Stunden pro Tag arbeiten ... darunter zwei bis drei Stunden für das Holen von Wasser und das Mahlen von Getreide. Jungen im gleichen Alter arbeiten höchstens drei bis fünf Stunden pro Tag.

Im Gesamtpaket der täglichen Aktivitäten ist das Wasserholen wohl eine der zeitaufwändigsten Hausarbeiten ... Frauen müssen einen erheblichen Teil ihres Arbeitstages damit verbringen, Wasser für ihre Familien zu holen.»

Text Quelle: van Wijk-Sijbesma 1985*

«Wo Wasser fliesst, wächst die Gleichberechtigung», bringen es die Vereinten Nationen zum Weltwassertag auf den Punkt.

Ja, dem stimme ich voll und ganz zu. In vielen Teilen der Welt fliesst das Wasser nicht wie bei uns in der Schweiz oder in Europa jederzeit aus dem Hahn. Ein wirksamer Schritt, um Gleichberechtigung zu stärken, sind daher gezielte Investitionen in die Wasserinfrastrukturen, damit das Wasser bis zu den Menschen fliesst.

Man könnte den Satz aber auch umdrehen: «Where equality grows, water flows». Denn es gibt Hinweise, dass Wassersysteme nachhaltiger funktionieren, wenn Frauen in die Planung und ins Management eingebunden sind. Sie wissen genau, was es bedeutet, wenn ein System ausfällt. Ihre Perspektive ist alltagsnah: Wo liegt der Brunnen? Ist er sicher erreichbar? Gibt es getrennte Toiletten? Welche Pumpe ist praktikabel? Männer denken ausserdem bei Wasser häufig eher an die Bewässerung von Feldern, Frauen eher an die Wasserversorgung der Familie im Haushalt. Beide Perspektiven sind wichtig für ein Leben in Sicherheit und Würde.

Gleichzeitig stärkt die Einbindung von Frauen ihre gesellschaftliche Rolle. Wasser kann ein Einstiegspunkt sein, um Frauen generell stärker in Entscheidungsprozesse zu involvieren und die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu fördern.
 

Beispiele aus dem Alltag

Eine Frau betritt eine Latrine im ländlichen Simbabwe
(Foto: Jess MacArthur 2022)

«Im Bereich der Sanitärversorgung ist das Bedürfnis der Frauen nach Privatsphäre ein entscheidender Faktor für die Akzeptanz von Latrinen durch Männer und Frauen, insbesondere in dicht besiedelten Gemeinden. Frauen kümmern sich auch um die Instandhaltung der Latrinen oder beaufsichtigen die Instandhaltungsarbeiten durch Kinder, stellen Handwaschmöglichkeiten bereit, kümmern sich um die Entsorgung von Exkrementen und die Hygiene kleiner Kinder und unterstützen und unterrichten diese in der richtigen Benutzung der Latrinen.»

Text Quelle: van Wijk-Sijbesma 1985*

Ist „Wasser und Gender“ vor allem ein Thema des Globalen Südens?

Nein. Auch in Europa und der Schweiz sind Wasserbetriebe mehrheitlich männlich geprägt. Dabei wird Wasser bis in die Haushalte gepumpt – dorthin, wo es in vielen Familien noch immer überwiegend von Frauen genutzt und organisiert wird. Die Beteiligung von Frauen in der Wasserwirtschaft ist auch hier in der Schweiz oder in Europa wichtig, weil unterschiedliche Perspektiven zu robusteren, zukunftsfähigeren Lösungen führen können.

Ihr Fazit zum Weltwassertag 2026?

Wasser ist niemals «nur» Wasser. Es ist Arbeit, Sicherheit, Würde – und Macht. Lasst uns an diesem Weltwassertag Wassersysteme aufbauen, die Ungleichheiten beseitigen. Denn wo Wasser fliesst, kann Gleichheit wirklich wachsen.
 

Wasserfakten laut dem Joint Monitoring Programme (JMP) for Water Supply, Sanitation and Hygiene von WHO und UNICEF

• Jeder vierte Mensch weltweit hat keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser.
• Über 285 Millionen Menschen sind auf Wasser angewiesen, das mehr als 30 Minuten Fußweg entfernt ist.
• Zwei von fünf Menschen haben immer noch keinen Zugang zu sicherer Sanitärversorgung.

Datenquelle

Titelbild: Kinder holen Wasser an einer Fusspumpe im ländlichen Togo (Foto: Jess MacArthur, 2013)