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Landnutzung beeinflusst Lebewesen im Untergrund

22. Oktober 2024 | Ori Schipper

Forschende an der Eawag haben einen weltweit einmaligen Datensatz zum Vorkommen verschiedener Flohkrebse im Grundwasser zusammengetragen und ausgewertet. Sie konnten zeigen, dass sich die Landnutzung im Umkreis von bis zu einem Kilometer Entfernung von der Wasserfassung auf die empfindlichen Tiere auswirkt. Das könnte darauf hindeuten, dass die aktuellen Grundwasserschutzzonen nicht gross genug sind.

Vier Fünftel des Trinkwassers in der Schweiz stammen aus unsichtbaren Wasserreserven im Untergrund. Zahlreiche Grundwasserfassungen zapfen diese Reserven an. Dabei stehen die Trinkwasserversorgungen zusehends unter Druck. «Um die Qualitätskriterien erfüllen zu können, müssen sie teils Brunnen vom Netz nehmen oder Wasser aus belasteten Quellen mit weniger belastetem Wasser mischen», sagt die Gewässerökologin Mara Knüsel, die gerade ihr Doktorat in der Forschungsgruppe von Professor Florian Altermatt am Wasserforschungsinstitut Eawag und der Universität Zürich abschliesst.

Knüsel und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter haben sich in den letzten Jahren intensiv mit kleinen Tieren befasst, die im dunklen und kalten Nass zuhause sind: den Grundwasserflohkrebsen. Sie gleichen winzigen Garnelen und sind – im Unterschied zu den unterschiedlich pigmentierten Bachflohkrebsarten – weiss und blind. Sie haben eine wichtige Rolle für die Funktion von Grundwasserökosystemen.
 

Weniger Nitrat in von Wald umgebenen Brunnenstuben

In ihrem neuesten, soeben in der Fachzeitschrift Ecological Applications veröffentlichten Beitrag bringen die Forschenden das Vorkommen der Flohkrebse mit der Art der Landnutzung im schweizerischen Mittelland in Zusammenhang: An Wasserfassungen, die mitten im Wald stehen, haben die Forschenden häufig Flohkrebse gefunden. An Wasserfassungen hingegen, die in der Nähe von Äckern stehen, stiessen die Forschenden deutlich seltener auf Flohkrebse. Das Grundwasser dieser ackernahen Brunnen war zudem tendenziell stärker mit Nitrat belastet als bei den von Wald umgebenen Wasserfassungen, was für eine schlechtere Trinkwasserqualität steht.

Allerdings sei es verkürzt, nur aufgrund des Fehlens von Flohkrebsen auf eine schlechtere Wasserqualität zu schliessen, gibt Knüsels Kollege Roman Alther zu bedenken: «Auch die Hydrogeologie spielt eine Rolle» erklärt er. «Faktoren wie die Struktur des lokalen Grundwasserleiters, einschliesslich der Porengrösse und der Wasserchemie, können ebenfalls beeinflussen, ob Amphipoden vorkommen oder nicht.» Die Forschenden betrachten die An- oder Abwesenheit der Tierchen deshalb eher als ergänzenden Indikator. «Als Hinweis, dass an einem bestimmten Standort allenfalls die Biologie beeinträchtigt ist», sagt Alther.
 

Einfluss von Ackerland noch in 600 bis 1000 Meter Entfernung

In ihren Analysen weisen die Forschenden nach, dass sich die Art der Landnutzung auch noch in einem grösseren Umkreis auf das Vorkommen von Flohkrebsen auswirkt: Im Datensatz hinterlässt auch Ackerland, dass sich in 600 bis 1000 Metern Entfernung von der Wasserfassung befindet, ein negatives Signal im Grundwasser. Jedoch: In der Schweiz schreibt das Gewässerschutzgesetz zwar vor, dass sogenannte Schutzzonen um Wasserfassungen angelegt werden, um das wertvolle Trinkwasser vor Verunreinigungen und anderen schädlichen Einflüssen zu bewahren. Im schweizerischen Mittelland umfassen diese Schutzzonen allerdings ein Gebiet, das sich im Schnitt nur 300 bis 400 Meter um den Fassungsbereich ausdehnt. «Wir kommen zum Schluss, dass die derzeit eingerichteten Schutzzonen vielleicht nicht genügend gross sind, um mögliche negative Auswirkungen der Landnutzung auf die Lebensgemeinschaften im Grundwasser zu verhindern», halten die Forschenden in ihrem Beitrag fest.
 

Der Effekt der Landnutzung auf die Grundwasserfauna (grüne Linie) verändert sich mit dem Abstand von der Wasserfassung (X-Achse). Dies gilt auch noch in einem Abstand, wo sich praktisch keine Grundwasserschutzzonen finden (blaue Linie). (Grafik: Modifiziert nach Knüsel et al., doi.org/10.1002/eap.3040)

Einzigartiger Lebensraum

Denn wie die Löwen in der Savanne stehen auch die Flohkrebse im Grundwasser an der Spitze der Nahrungskette. Dadurch beeinflussen sie auch alle anderen Lebewesen auf den niedrigeren Nahrungsstufen. «Die grosse Vielfalt an Lebensformen im Grundwasser ist noch weitgehend unerforscht», sagt Knüsel. Mit ihrem Datensatz zu den Flohkrebsen haben die Forschenden deshalb erst das Fundament gelegt: Ihre Resultate könnten ein Argument für eine allfällige Ausweitung der Grundwasserschutzzonen sein. Doch darüber hinaus liegt ihnen auch viel daran, «in der Bevölkerung das Bewusstsein zu schärfen, dass das Grundwasser nicht nur eine kostbare Trinkwasserressource ist», sagt Alther, «sondern auch ein einzigartiger Lebensraum, den es zu bewahren gilt.»
 

Neues Wissen über Flohkrebse

Die Eawag-Forschenden haben eng mit Brunnenmeisterinnen und -meistern zusammengearbeitet, die für schweizweit über 900 verschiedene Wasserfassungen zuständig sind und «ohne deren Hilfe diese Arbeit nicht zustande gekommen wäre», wie Mara Knüsel betont. Aus der Zusammenarbeit entstand eine systematische Sammlung von Flohkrebsen, worin die Forschenden mithilfe von genetischen Analysen auch mehrere zuvor unbekannte Arten entdeckt haben. Und sie zeichneten nach, wie sich die letzte Eiszeit vor rund 20 000 Jahren auf die Ausbreitung und das heutige Vorkommen der Grundwasserflohkrebse ausgewirkt hat. «Einige Arten finden wir nur an Orten, die nicht vergletschert waren», sagt Knüsel.

Video Grundwasserfauna Schweiz

Das Projekt AmphiWell hat zum Ziel, das Vorkommen von Grundwassertieren in Quellfassungen schweizweit zu erfassen und zu dokumentieren. Um schweizweit möglichst viele Daten sammeln zu können, arbeiten die Forschenden der Eawag mit Brunnenmeisterinnen und Brunnenmeistern zusammen.


Titelbild: Acker oder Wald? An Wasserfassungen, die in der Nähe von Äckern stehen, haben die Forschenden seltener Flohkrebse gefunden als an solchen, die mitten im Wald stehen (Foto: Wikimedia, Adrian Michael).

Originalpublikationen

Knüsel M, Alther R, and Altermatt F. Terrestrial land use signals on groundwater fauna beyond current protection buffers. Ecol Appl. (2024). http://doi.org/10.1002/eap.3040

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         cessive groundwater extraction, understanding groundwater from an ecosystem-
         perspective, including organism diversity and distribution, is essential. Th
         is study presents the largest ever systematic assessment of groundwater amph
         ipods, which are a key component of European groundwater biodiversity.<br />
         Location: Switzerland (41,285 km<sup>2</sup>), including data from 906 sam
         pling sites.<br />Taxon: groundwater amphipods, genera <em>Niphargus</em> an
         d <em>Crangonyx</em> (Crustacea, Amphipoda).<br />Methods: we applied a high
         ly standardized citizen science approach to collect repeated groundwater fau
         na samples in collaboration with municipal drinking water providers. Using d
         etection–nondetection data of the genetically identified groundwater amphi
         pod species, we assessed the overall species diversity of both rare and comm
         on species. The distribution of commonly found species was predicted using m
         ultispecies occupancy modelling.<br />Results: we retrieved 3882 samples fro
         m 906 sites, yielding 2350 groundwater amphipod individuals. We identified a
          remarkable species diversity, comprising few commonly and many rarely found
          species. Considering commonly found species, we identified distinct distrib
         ution ranges, low local species richness and a predominance of negative co-o
         ccurrences. In contrast, a major portion of species were found rarely (gener
         ally at just one or two sites each), distributed uniformly throughout the st
         udy area and unrelated to common species' recognized hotspots. Many of these
          rarely found species are not yet formally described.<br />Main conclusions:
          Our results give robust emphasis on the rare occurrence and narrow distribu
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         rm climatic shifts is of high importance, particularly in the face of contem
         porary climate change. In comparison to aboveground taxa, subterranean organ
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         colonization potential, yet possible persistence in refugial groundwater hab
         itats under ice-shields. However, knowledge on general and geographically la
         rge-scale effects of glaciation on contemporary groundwater biodiversity pat
         terns is still very limited. Here, we tested how Late Pleistocene glaciation
          influenced the diversity and distribution of 36 groundwater amphipod specie
         s in Alpine and peri-Alpine regions, characterized by extensive glaciation c
         ycles, and how its legacy explains contemporary diversity patterns. We based
          our analysis on an unprecedented density of ~ 1000 systematic sampling site
         s across Switzerland. Using presence–absence data, we assessed biodiversit
         y and species' ranges, and calculated for each site within-catchment distanc
         e to the Last Glacial Maximum (LGM) glacier extent. We then applied a slidin
         g window approach along the obtained distance gradient from LGM ice-covered
         to ice-free sites to compute biodiversity indices reflecting local richness,
          regional richness, and differentiation, respectively. We found a strong sig
         nal of the LGM ice extent on the present-day distribution of groundwater amp
         hipods. Our findings revealed pronounced species turnover and spatial envelo
         pes of individual species' occurrences in formerly ice-covered, ice-free, or
          transitional zones, respectively. While local richness remained constant an
         d low along the LGM distance gradient, groundwater communities in LGM ice-co
         vered areas were more similar to each other and had lower gamma diversities
         and decreased occurrence probabilities per sliding window compared to commun
         ities in Pleistocene ice-free areas. These results highlight the significant
          impact of Pleistocene g...
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Knüsel, M.; Alther, R.; Locher, N.; Ozgul, A.; Fišer, C.; Altermatt, F. (2024) Systematic and highly resolved modelling of biodiversity in inherently rare groundwater amphipods, Journal of Biogeography, 51(11), 2094-2108, doi:10.1111/jbi.14975, Institutional Repository
Knüsel, M.; Alther, R.; Altermatt, F. (2024) Pronounced changes of subterranean biodiversity patterns along a Late Pleistocene glaciation gradient, Ecography, 2024(8), e07321 (10 pp.), doi:10.1111/ecog.07321, Institutional Repository

Finanzierung / Kooperationen

  • Eawag
  • Universität Zürich
  • Universität Ljubljana, Slowenien
  • Bundesamt für Umwelt (BAFU)
  • Schweizerischer Verein des Gas- und Wasserfaches (SVGW)
  • Schweizer Nationalfonds